Überlegungen zur „integralen“ Theorie Wilbers

Die Idee der prä/trans-Verwechslung ist eine elegante Lösung für ein Problem, das erst durch spezifische Stufentheorie-Modelle entstanden ist. Theorien vom Typus der Stufenmodelle ordnen die Wahrnehmung des (vermutlich) Wirklichen, um dessen Problem der mangelnden Verstehbarkeit zu lösen. Dabei entstehen durch die Lösungen neue Probleme, die nun auch gelöst werden müssen. Erst wenn der Problemstau groß genug ist, wird das Paradigma durch ein Tauglicheres abgelöst werden. Das Paradigma der Stufenmodelle hat seine Vorläufer in den christlichen theozentrischen Hierarchien, und wird von den Wissenschaften nahtlos seit Freud fortgesetzt. Wilber hat ursprünglich nichts anderes getan, als zwei verschiedene Stufenmodell-Ansätze miteinander zu verschrauben. Dabei entstanden aber neue Probleme, die nur gelöst werden konnten, indem das „integrale“ Modell (das ich nicht für integral halte) zu einem Theorie-Monster aufgebläht wurde. Und trotzdem stehen die Probleme im Raum. Wilber nahm anfänglich die westliche Entwicklungspsychologie und pfropfte auf die dort beschriebenen Stufen nun die transpersonalen Stufen, die von Sri Aurobindo beschrieben werden.

Transpersonalität ist ein allgemeinerer Begriff für die Erfahrungsbereiche, die das Ich zur Auflösung zwingen. Das kann auf zweierlei Arten geschehen: 1. Das Ich löst sich in einer unbewussten Identifikation mit nicht-persönlichen Sachverhalten (oder kollektiven Archtypen) auf. 2. Das Ich wird willentlich durch bestimmte Bewusstseinstechniken ausgeschaltet, um das Bewusstsein kontrolliert in überpersönliche Erfahrungsfelder einfließen zu lassen.

Aus dieser Quelle speist sich der Streit zwischen den noch auf Jung sich berufenden Forschern, wie etwa Stanislav Grof, die behaupten, dass die Archetypen des kollektiven Unbewussten transpersonal seien, während die sich am Yoga, am Vedanta und am Buddhismus orientierenden Forscher, etwa Wilber, den Archetypen nicht Transpersonalität, sondern Präpersonalität zuschreiben.

Das Problem löst sich in Luft auf, wenn man auf Stufenmodelle verzichtet. Ein Stufenmodell der Entwicklung ist etwa so gültig wie die newtonsche Mechanik: sie funktioniert in alltagsrelevanten Grenzen, nicht aber zur Beschreibung dessen, was die Grenzen allgemein teilbarer Menschenerfahrung sprengt. Ein entwicklungspsychologisches Stufenmodell ist sinnvoll im Bereich der Pädagogik und Kinderpsychotherapie. Es mag auch hilfreich sein, um allgemeine Motive von Mitarbeitern in Unternehmen einzuschätzen (so in Becks Spiral Dynamics-Modell). Nicht aber, wenn es darum geht, außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen im archetypischen Feld zu klassifizieren. Ein Archetyp ist per se schon weder prä- noch transpersonal, sondern ein psycho-energetischer Fakt (sollte es sie tatsächlich geben, was auch noch ungeklärt ist). Prä- oder transpersonal wäre höchstens die Art und Weise zu nennen, wie das Bewusstsein des Ichs in der Lage ist, diese zu nutzen, zu verarbeiten, auf sie zu reagieren oder sich von diesen beeinflussen zu lassen. Prä- und Transpersonalität sind also in erster Linie Bewertungssysteme und somit künstlich (nicht anders als künstliche Diagnosekriterien, wie etwa des ICD-10), und keine objektiven Fakten. Ob und wie diese Bewertungssysteme dabei helfen, bestimmte Probleme leichter zu lösen, wird darüber entscheiden, ob sich diese Konzepte längerfristig durchsetzen oder nicht.

Nach dem wilberschen Konzept von prä/trans wird das magische Bewusstsein/magische Denken vom transpersonalen Bewusstsein durch eine Reihe von weiteren Stufen (mythisch, rational etc., allesamt personal) getrennt. Wilbers Argumentation wäre die, dass die rationalen Bewusstseinsstufen dem Transpersonalen viel näher seien, als das Magische.

Was Wilber und dessen Anhänger übersehen, ist dass sie für diese Argumentation eine rein rationale Skala (direktional, finalistisch, hierarchisch) zu Hilfe nehmen. Wilberianer werden nicht müde zu betonen, dass es sich bei ihrer Theorie um KEINE Hierarchie handeln würde. Egal wie oft sie das behaupten, das sogenannte „integrale“ Modell ist streng hierarchisch. Da macht es auch keinen Unterschied, ob man Hierarchie-Ebenen Holone nennt, um damit zu meinen, dass diese Ebene alle ihre Vorgänger beinhalte. Im Sinne klassischer Entwicklungspsychologie stimmt diese Behauptung ja auch: die sensumotorische Wahrnehmung (Piaget), die sich im Säuglingsalter herausbildet, bleibt auch später erhalten und wird nicht grundlegend ersetzt. Wir alle sind auch im Erwachsenenalter in gewisser Weise „sensumotorisch“, oder haben Sie nie Appetit, empfinden keine körperliche Lust, empfinden seelischen Schmerz nicht auch körperlich, haben nie „Schmetterlinge im Bauch“? Das Holarchie-Modell der allgemeinen menschlichen Entwicklung soll hier also nicht in Frage gestellt werden, dafür ist es in der angewandten Psychologie zu hilfreich.

Doch wenn ein solches Holarchie-Modell zu Spekulationen über den transpersonalen (also über das Ich hinausgehenden) Bereich herhalten soll, entstehen zwangsläufig egodienliche Auf- und Abwertungen des nicht überprüfbaren Typs. Zum einen appelliert dieses Modell an unsere latente Minderwertigkeit, indem wir auf unbehagliche Art spüren, noch nicht zu sein, was wir sein könnten, und zum anderen lädt es ein, uns selbst zu überhöhen und andere zu erniedrigen (ich bin schon türkis, du bist noch grün). Dieser Einwand bezieht sich auf Probleme, die im zwischenmenschlichen Bereich durch dieses Modell entstehen, es ist also ein moralischer Einwand.

Ein inhaltlicher Kritikpunkt ist, dass jegliche Stufenmodelle von einem linearen kausalistischen und finalistischen Standpunkt ausgehen, ohne hinreichend zu begründen, warum sie diesem gegenüber dem zyklischen und relativistischen Standpunkt den Vorrang einräumen. Der Relativismus steht unter den „Integralisten“ unter Beschuss. Die Ablehnung des Relativismus wird begründet mit der Stellung relativen und pluralistischen Denkens (grün) unterhalb der „integralen“ Perspektive. Kaum einmal ein Gedanke daran, dass diese Ablehnung des Relativismus eher ein Symptom eines regressiven bzw. reaktionären Denkens sein könnte. Ebenso wird zu wenig auf den Unterschied zwischen Relativismus und Pluralismus hingewiesen. Relativismus ist ein komplexer kognitiver Informationsverarbeitungsmodus, der die Potenz in sich trägt, mehrere Perspektiven gleichermaßen zu berücksichtigen. Pluralismus dagegen ist zu verstehen als ein gesellschaftlich determinierter Verhaltens- und Wertmodus, also (wenn überhaupt) eine praktische Ableitung oder Konsequenz aus einem relativistischen Denken.

Verlässt man die lineare Perspektive – indem man sein Bewusstsein mobilisiert und aus den statischen Verankerungen löst – drängt das Magische wieder machtvoll ins Erleben, ebenso das Mythische. Das Bewusstsein wird zu einem Wanderer, der nomadisch er-fährt, was man Wirklichkeit, Wunschproduktion (Deleuze), Archetypen (Jung) oder das Eine Göttliche nennen mag. Um die Begriffe geht es nicht. Synchronizitäten, sinnstiftende Koinzidenzen, besser: zur kreativen Sinnstiftung einladende Koinzidenzen, werden zu alltäglichen Erfahrungen. Das schöpferische Potential des menschlichen Geistes wird dann befreit, wenn dieser sich von bindenden Theorien löst. Die letzte und stärkste Anhaftung desYogi ist der Yoga.

Doch die größte Gefahr aller Stufenmodelle transpersonaler Entwicklung liegt in der Einladung zur Hybris, zur Selbsterhöhung in göttliche Sphären. Hier würde Selsbtentwicklung Selbstwachstum heißen. Die Argumentation der Selbstentwickler könnte so lauten: Ich trage in mir das Göttliche, meinen göttlichen Wesenskern, und so muss ich diesen zur Entfaltung bringen, muss ihn ausdehnen, bis er alles umfasst, was in meinem Gewahrsein sein könnte, ich blähe mich auf, bis ich die ganze Welt umfasse und bin dann Gott, bin alles, bin Atman, dann Anatman, Brahman, mein Zustand ist Satchitanda, erst dann bin ich erlöst, und die Welt gleich mit. Was dabei übersehen wird, ist der logische Fehler zu Beginn der Argumentation. Niemand muss zum „Göttlichen“ werden, wenn er es bereits ist. Doch dieses „Ich bin dies…“ irrt in einem Punkt: das „Göttliche“, wenn man die ganzheitliche Kraft, die Gesetze umfassender Vernetzung (im Gegensatz zur Annahme von isolierten Entitäten im Universum) etwas anachronistisch so nennen darf, ist dann nicht Teil von mir (welch Hybris stünde dahinter!), sondern ich bin Teil des Göttlichen. In mir fließt die Kraft, die auch andere durchströmt, die gleiche Kraft, die Bäume, Tiere, Mitmenschen, diesen Planeten, das Sonnensystem usw. vitalisiert und zur Erscheinung bringt. Für die Aufblähung des Egos mithilfe semantischer Ungetüme wie „göttliches Selbst“ gäbe es somit keinen Grund mehr, ebenso wenig zu einer überengagierten Selbstentwicklung. Was bleibt ist die Selbsterkenntnis, nicht das Selbstwachstum. Nicht die Spekulationsblase egoischer Allmachtsfantasien, sondern das „Nosce te ipsum“.

Das Paradoxon besteht darin, dass das sogenannte Transpersonale erst durch diese Loslösung (und Befreiung) vom Imperativ des Selbstwachstums wirklich erfahrbar wird. Als Kind muss ich wachsen, als Erwachsener hingegen ist Wachstum pathologisch, wenn darunter die egoische Selbstvermehrung verstanden wird. Es reist sich am besten mit leichtem Gepäck.