Die letzte und stärkste Anhaftung des Yogis ist der Yoga

…Verlässt man die lineare Perspektive – indem man sein Bewusstsein mobilisiert und aus den statischen Verankerungen löst – drängt das Magische wieder machtvoll ins Erleben, ebenso das Mythische. Das Bewusstsein wird zu einem Wanderer, der nomadisch er-fährt, was man Wirklichkeit, Wunschproduktion (Deleuze), Archetypen (Jung) oder das Eine Göttliche nennen mag.

Um die Begriffe geht es nicht. Synchronizitäten, sinnstiftende Koinzidenzen, besser: zur kreativen Sinnstiftung einladende Koinzidenzen, werden zu alltäglichen Erfahrungen. Das schöpferische Potential des menschlichen Geistes wird dann befreit, wenn dieser sich von bindenden Theorien löst.

Die letzte und stärkste Anhaftung des Yogis ist der Yoga.

Doch die größte Gefahr aller Stufenmodelle transpersonaler Entwicklung liegt in der Einladung zur Hybris, zur Selbsterhöhung in göttliche Sphären. Hier würde Selbstentwicklung Selbstwachstum heißen. Die Argumentation der Selbstentwickler könnte so lauten: Ich trage in mir das Göttliche, meinen göttlichen Wesenskern, und so muss ich diesen zur Entfaltung bringen, muss ihn ausdehnen, bis er alles umfasst, was in meinem Gewahrsein sein könnte, ich blähe mich auf, bis ich die ganze Welt umfasse und bin dann Gott, bin alles, bin Atman, dann Anatman, Brahman, mein Zustand ist Satchitananda, erst dann bin ich erlöst, und die Welt gleich mit.

Was dabei übersehen wird, ist der logische Fehler zu Beginn der Argumentation. Niemand muss zum „Göttlichen“ werden, wenn er es bereits ist. Doch dieses „Ich bin dies…“ irrt in einem Punkt: das „Göttliche“, wenn man die ganzheitliche Kraft, die Gesetze umfassender Vernetzung (im Gegensatz zur Annahme von isolierten Entitäten im Universum) etwas anachronistisch so nennen darf, wäre dann nicht Teil von mir (welch Hybris stünde dahinter!), sondern ich wäre Teil des Göttlichen. In mir flösse die Kraft, die auch andere durchströmt, die gleiche Kraft, die Bäume, Tiere, Mitmenschen, diesen Planeten, das Sonnensystem usw. vitalisiert und zur Erscheinung bringt. Für die Aufblähung des Egos mithilfe semantischer Ungetüme wie „göttliches Selbst“ gäbe es somit keinen Grund mehr, ebenso wenig zu einer überengagierten Selbstentwicklung. Was bliebe ist die Selbsterkenntnis, nicht das Selbstwachstum. Nicht die Spekulationsblase egoischer Allmachtsfantasien, sondern das „Nosce te ipsum“.

Das Paradoxon besteht darin, dass das sogenannte Transpersonale erst durch diese Loslösung (und Befreiung) vom Imperativ des Selbstwachstums wirklich erfahrbar wird. Als Kind muss ich wachsen, als Erwachsener hingegen ist Wachstum pathologisch, wenn darunter die egoische Selbstvermehrung verstanden wird. Es reist sich am besten mit leichtem Gepäck.

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