Tagebuch eines Ausreißers

Tagebuch eines Ausreißers 2007 – 2023

Erschienen unter dem Pseudonym Mads Telli

Februar 2024, 480 Seiten, Paperback.

Die persönlichen Aufzeichnungen Mads Tellis (ein nicht zufällig gewähltes Pseudonym von Matthias Thiele) zu nahezu allem.

Gute Sätze sind wie Früchte und Blüten, man muss sie zur richtigen Zeit pflücken. So ist ein buntes Buch entstanden, nicht ohne Ariadnefaden, dennoch fragmentarisch und experimentell. Ein Lesebuch, das auf einer beliebigen Seite aufgeschlagen werden kann.

Das Unsystematische: der Harlekin auf dem Basar des Lebens, schnelle Blicke auf das oft Ungesehene, Schattenblicke aufs Absurde und Verkehrte, Gedanken zu Mythen und Erotik, zu Psychologie und menschlichen Abgründen, die zwar dunkel, aber mit Einsprengseln von Diamant und Glas sein können.

Psychologie ist Kunst, ist Poesie – wenn man es will.

„Der Begriff des Ausreißers lässt an ausbüxende Kinder oder statistische Messwerte außerhalb eines Erwartungsbereichs denken. Ausreißer stellen jene Ordnungssysteme, deren Teil sie sind oder sein sollen, durch ihr Sein in Frage. Ihre Individualität überwiegt. Sie sind und bleiben Ausnahmen. Ausnahmen, die, weil sie Tatsachen sind, die Quelle von Kreativität im Individuellen wie im Kollektiven sind. Sie sind Nochniedagewesene und bringen Nochniedagewesenes hervor. Ihre Werke und Taten sagen: Ohne Freiheit bist du nichts. Aber ohne Freiheit sind auch keine Kulturen möglich. Das organisierte Zusammenleben der Menschen mit all seinen Strukturen, sozialen Rollen, seinen metaphysischen und weltlichen Erzählungen, die Menschen zu Einwohnern derselben Sphäre machen, war und ist der vermutlich folgenreichste kreative Akt, den wir über die Jahrtausende hervorgebracht haben. Am Anfang standen die Ausreißer, stand das Unwahrscheinliche, Ungedachte, die Ausnahme.“

Leseprobe:

Frakturen

SICH NEU BEGINNEN

2015 – 2019

Nachtbücher, nicht Tagebücher, müssten sie heißen. Die Nachtschwärze, die sich durch die Zeilen zieht, eine Farbe wie Obsidian.

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Ich las gestern Abend in Sloterdijks Zur Sprache kommen, zur Welt kommen, darin das zweite Kapitel, dessen Anfang ich M. vorlas.

Die Kunst des Anfangens. Die Kunst des Neuanfangens.

Da wir in diesem Leben erst mit unserer bewussten Erinnerung beginnen, nachdem unser Leben schon lange angefangen hat und wir das dunkle „Vorher“ nur aus den Erzählungen kennen, sind wir dementsprechend ungeübt in der Kunst des Am-Anfang-Anfangens. Wir sind darauf geeicht, etwas einmal Begonnenes zu übernehmen, (mit etwa drei Jahren, plus/minus), und es dann, nach einer Zeit sozialisierender Einweisung, sukzessive eigenständig weiterzuführen. Doch den Neuanfang kennen wir kaum. Vielleicht wird im Laufe des erwachsenen Lebens ein Neuanfang notwendig, dann müssen wir ohne Übung, ohne Training und ohne Hilfe einer Tradition oder Erinnerung diesen Neuanfang wagen. Und dieser ist ein Sprung ins Unbekannte.

Tradition – lässt sich übertragen auf die persönliche Geschichte, die wir angesammelt haben. Diese ist die Tradition, und von ihrer Güte hängt es ab, ob wir einen Neuanfang brauchen oder nicht. In meinem Fall spricht alles für einen Neuanfang, eine Neuerfindung der Form des Wesens, das ich bin. Das Installieren einer neuen Persönlichkeit.

Alle Ideen, die für eine solche in Frage kommen könnten, sind notwendigerweise Rudimente meiner Biografie, Ideen von Nicht-mehr-rauchen, Kunstmachen, dieses und jenes usw. Auf Ideen zu verzichten, würde bedeuten, einzig der mutigen Handlung zu vertrauen, der Handlung, deren Ausgang ungewiss ist. Aber dieser Ausgang der Handlung ist das einzig verlässliche Kriterium für die nachfolgenden Entscheidungen und Nachfolgehandlungen.

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Die Meditation über den Tod ist ein vielbefahrenes Feld, gleichsam ein öffentlicher Geistesraum, und sie hat auch manchmal etwas Pathetisches. Lukrez wies darauf hin, dass uns der Tod, da wir über ihn nichts wissen können, nichts anginge.

Doch was ist mit der Geburt? Öffne ich mich dieser Vorstellung, scheint mir, als hätte jemand von Pandoras Büchse den Deckel gerissen und als umgäben mich seitdem all die Übel wie ein atmosphärischer Uterus. Nur die Hoffnung bleibt als verkrusteter Bodensatz im Inneren und wirkt von dort, geheimnisvoll, täuschend, eine seelische Krücke, die das Wollen und Sehnen aufrecht gehen lässt und den Blick irrt.

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Doch gibt es drei Ereignisse, die unser Leben in Geheimnis hüllen: erstens die physische Geburt, zweitens das Erwachen des Ich-Bewusstseins (bzw. die Bündelung des Bewusstseins in einem immer konzentrierter und dichter werdenden und erinnerbaren Identitätspunkt, der dann zum Ich wird) mit ca. 2 oder 3 Jahren, und drittens der Tod.

In fast allen Philosophien und spirituellen Konzepten fehlt das zweite Ereignis. Es ist aber jenes, das die Mythen aller Religionen in ein neues Licht stellt: Die vermeintliche vorzeitliche Ewigkeit wäre dann eine Reminiszenz an die ersten zwei/drei Lebensjahre: Konzepte von Seele, Vorleben, Karma, einem Licht, das alles sei, Paradiesen, die man verlassen habe etc.

Bis in heutige Tage wird der Beginn eines menschlichen Lebens utero-zentrisch gedacht. Die Beobachtung von außen legt es nahe: In den meisten Fällen gibt es Zeugen bei der Geburt und während der ersten Lebensmonate. Doch wie anders erschiene uns das Leben, könnten wir es aus einer radikal subjektiven Perspektive betrachten. Wir fänden uns vor in einem Leben, das bereits eine nebulöse Vergangenheit hat, von der wir nur aus zweiter Hand erfahren. Es bleibt ein diffuses Ahnen davon, es müsse schon etwas geschehen sein, an das wir uns nicht erinnern. Diese existenzielle retrograde Amnesie drängt nach Antworten. Die Antworten der Eltern und Großeltern scheinen uns gar zu prosaisch und unspektakulär; sie resonieren nicht mit jener erfühlten oder intuierten Bedeutsamkeit jener vergessenen Ereignisse (sofern sie überhaupt vergessen und nicht nur nicht abgespeichert wurden). So suchen wir nach Geschichten, die geeignete Pendants zu jener erahnten Bedeutsamkeit sein könnten: Vorleben, Reinkarnationen, Parallelwelten, mögliche Heimstätten einer Seele, die noch nicht (wieder)geboren wurde. Diese Geschichten mögen kapriziös sein, sind in ihrer metaphorischen Bedeutung aber wahr, so wie ein Traum als Sinnbild auch wahr ist.

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Insofern stehen Metaphysik, Spiritualität und Esoterik in nachbarschaftlicher Nähe zu Kunst und Fantasie, aber auch zu Traum und Tiefenpsychologie. Sie sind zu verstehen als neurologische und/oder semantische Straßen, auf denen das Bewusstsein in Gleichnisse verpackte Wahrheiten über sich selbst aus einer nicht erinnerbaren Vergangenheit in eine bewusst erfahrene Gegenwart transportiert. Der größte Gewinn der Menschheit, aber auch sein größter Fluch: diese Straßen manifestiert zu haben. Wer die mitunter brüchigen oder eisglatten Straßen und die entsprechenden Fahrzeuge nicht zu beherrschen weiß, läuft Gefahr, sich auf Abwegen zu verirren, oder, schlimmer noch, in einem psycho-existenziellen Straßengraben zu enden.

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Es ist ja so leicht, gerade heute, von sich zu behaupten, man sei einmalig, also ein Nochniedagewesener. Man fordert ein Attribut für sich, ohne die Gegenleistung zu erbringen, ohne das Fundament aus Tat und Sein schaffen zu wollen. Man lebt in der Gleichförmigkeit des allgemeinen Trotts mit, füllt soziale Rollen aus, beliebig austauschbar, selbst die Vater- und Mutterrollen sind heute beliebig austauschbar – und behauptet von sich, den Zeitgeist nachplappernd, man sei einzigartig, einmalig, ein Individuum, ein Nochniedagewesener. Doch ein Nochniedagewesener zu sein, ist eine Auszeichnung, die in sich selbst errungen werden muss, und die nicht im sozialen Kontext vergeben wird, es gibt auch keine Preisverleihungen dafür, keine Nachricht in den Medien. Es ist eine Auszeichnung, die ganz im intimen Verborgenen stattfindet, die sich in der Unzweifelhaftigkeit des eigenen bewussten Seins zeigt.

Der Nochniedagewesene findet seine abstrakte Entsprechung im Bild des antiken Heros. Es gibt nur einen Grund, sich den Namen eines Helden zu merken, seine Taten zu berichten, zu besingen, in Epen zu verewigen: seine Einmaligkeit. Mit ihm tauchte etwas Nochniedagewesenes auf, schlug ein wie ein Meteor, verschmolz mit dem Boden, in den er versank und den er für immer veränderte. Er wird nie wieder erscheinen, er war ein einmaliges Ereignis, eine Gewalt, die den Sphären des Menschseins Spuren und Muster einprägte, Dellen hinterließ und Kanten abschlug.

Doch der Held muss nicht im Großen wirken, der Nochniedagewesene nicht bekannt werden. Es reicht, ganz er selbst zu sein. Was heißt das? In erster Linie eine Negation: nicht das sein, zu was er programmiert und konditioniert wurde. Nur durch diese Negation wird der Weg frei für das Nochniedagewesene. Und dann? Einen Anfang finden, sich zum Anfang bringen, Sichanfangen – sagt Sloterdijk. Wir sind ja mit dem Anfang nicht vertraut, nicht mit den ersten drei, vier Jahren, über die ließen wir uns bestenfalls berichten. Dieser Fremdbericht liefert das Modell für alle späteren Identifikationen, die uns vom Nochniedagewesensein abhalten und uns zum Funktionsparameter der Gesellschaften machen. Also muss man den Fremdbericht verwerfen. Er ist ohnehin in der Außenperspektive verfasst und enthält keine Aussagen über das Wesentliche: über mich selbst, über das, was ich erlebte. Wo also setze ich den Anfang? Wie beginne ich mich selbst? Wie kann ich mich entbinden?

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