Tagebuch eines Ausreißers

Tagebuch eines Ausreißers 2007 – 2023

Erschienen unter dem Pseudonym Mads Telli

Die persönlichen Aufzeichnungen Mads Tellis zu nahezu allem – Metaphysik, Erotik, Zeitgeschehen, Kunst und Literatur: sehnsüchtige, ironische und kritische Blicke aus der seelischen Ferne des Ausreißers auf die Dinge, die Menschen umtreiben.

Psychologie ist Kunst, ist Poesie – wenn man es will.

Auszug:

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Beim Begriff des Ausreißers denkt man entweder an ein Kind, das von zu Hause ausbüxt, oder an einen Messwert in der Statistik, der außerhalb des Streuungsbereichs um einen Erwartungswert vorgefunden wird.

Das ausbüxende Kind und der statistische Ausreißerwert stellen jene Ordnungssysteme, deren Teil sie sind oder sein sollen, durch ihr Sein, weniger durch ihre Intentionen in Frage. Sie revolutionieren nicht, stürzen nichts um, vielmehr entfliehen sie einem Ort, dem sie sich nicht (mehr) zugehörig fühlen (das Kind) oder zeigen durch ihren Messwert, dass die Menge aller Elemente eines Systems durchaus nicht so homogen ist, wie es sich ein Statistiker wünschen würde. Der Begriff des statistischen „Ausreißers“ verweist bereits auf den Ausnahmecharakter des Messwertes, der als zu schwach und zu selten gilt, um die mathematische Erwartung umzustoßen. Ähnlich das ausbüxende Kind: Seine nächtliche Flucht mit Regenjacke, Schokoriegel und Kuscheltier erzeugt Sorge bei jenen, die die Gestaltungsmacht innerhalb der Familie innehaben, nur selten aber den Impuls, das Familiensystem generell in Frage zu stellen. Im Gegenteil werden – durch die geteilte Sorge – die Kohäsionskräfte innerhalb der Familie verstärkt.

Menschengruppen, die sich in sozialen Systemen organisieren, (Familien, Teams, Bevölkerungen eines Landes), erzeugen Rollen und Positionen innerhalb der Gruppenstruktur, in die sich ihre Mitglieder einfügen. Neben ihrer Individualität nehmen sie eine soziale Rolle ein, eine Rolle, deren Inhaber austauschbar sind. Beispielsweise wäre die Individualität eines verstorbenen Familienoberhauptes mit dessen Dahinscheiden unwiederbringlich verloren, sie ist nicht austauschbar, aber die soziale Rolle wird durch seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin aufs Neue ausgefüllt. Die Rolle überdauert. Der Ausreißer verweigert die Rolle, seine Individualität überwiegt. In der Psychologie spricht man von kindlichem Egozentrismus, der nur seine subjektiven Bedürfnisse kennt und (noch) kein Auge und kein Ohr für die Belange und Notwendigkeiten der Gemeinschaft haben kann. Mit dieser Erklärung macht es sich die Entwicklungspsychologie zu einfach. Zwar trifft der Befund einer kindlichen Egozentrik zu, wenn er die Radien des überschauenden und empathischen Gewahrseins des Kindes meint, aber die Motive des Ausbüxens an sich sind vielfältiger. Die Ausreißer – ausbüxende Kinder wie statistisch abweichende Messwerte – zeigen durch ihre Existenz die Unvollständigkeit des jeweiligen Systems an, aus dem sie ausbrechen. Die Rollensysteme einer Familie, eines Kollegiums, eines Staates sind dann für alle Beteiligten zufriedenstellend, wenn ihre Individualitäten in ihnen hinreichend Bewegungsspielraum erfahren können. Was nützt ein Gruppensystem, das zwar funktioniert, aber das Leben seiner Mitglieder erstickt?

Die Individualität eines Menschen ist ebenso seine Kreativitätsquelle. Hierzu auch die Entwicklungspsychologie (ausführlich beschrieben von Norbert Bischof in Das Kraftfeld der Mythen): Die Tricksternatur des Kindes, das der Familie davonrennt, das glaubt, adoptiert zu sein, das in unzweifelhafter Selbstgewissheit meint, allein besser zurechtzukommen, folgt seinen individuellen Impulsen, die von der Erwartung der Großen abweichen – doch genau diese Impulse sind die zarten Anfänge dessen, was man im Individuellen Kreativität und im Kollektiven Kulturbringer nennt. Der Eigensinn erzeugt unerwartete Lösungen. Systeme müssen sich verändern können, um sich an die sich ebenfalls ständig ändernden Bedingungen in einem dynamischen Universum anpassen zu können. Wird es zu starr, wird es über kurz oder lang an den sich ändernden Außenbedingungen zerbrechen. Es sind die kreativen, also unerwarteten Ideen seiner Mitglieder, die jene Änderungsdynamiken überhaupt erst möglich machen. Das ausbüxende Kind zeigt den zu engen Charakter des Familiensystems an, das für das So-Sein des Kindes zu wenig Raum bietet. Es flieht in weite Räume, von denen es sich Entfaltungschancen erhofft. Der erste Regen wird ihm vermutlich die Vorzüge seines beheizten Kinderzimmers wieder deutlich machen, eine Umkehr ist ihm möglich. Möglich, weil seine nächtliche Flucht als eine Ausnahme betrachtet wird, die durch den Akt seiner Rückkehr die Selbstgewissheit der Familienstruktur desto stärker werden lässt: Es kam zurück, offenbar lässt es sich dort draußen nicht oder nicht gut genug leben.

Doch genauso wie in der Statistik ist der Ausreißer der blinde Fleck im Denken, der rosa Elefant im Raum, den man ignoriert. Der abweichende Messwert, (sofern es sich nicht um einen Messfehler handelt), ist eine Tatsache. Er verweist auf einen Zusammenhang, der eine bestehende Theorie oder ein statistisches Modell falsifizieren könnte. Ihn zu ignorieren, indem man ihn als irrelevant abtut, heißt mit unredlichen kognitiven Mitteln eine Sichtweise aufrechterhalten zu wollen, die vielleicht falsch oder deren Gültigkeitsbereich enger ist als vermutet. Die Abweichungen von Erwartungswerten offenbaren die unüberschaubare Vielfalt multikausaler Beziehungen in einem Universum, dessen (unerträgliches) Chaos wir durch kognitive Ordnungssysteme einhegen wollen.

Das zuhöchst unwahrscheinliche Auftreten seines Geist-Vaters, ein Ausreißer-Ereignis, lässt Hamlet sagen, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gebe, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Dieses Mehr wird zum Quell von Kreativität, von Hervorbringungen, die die Grenzen des bisher Gedachten und Getanen sprengen und den Handlungsraum des Menschen erweitern. Mystiker, die leuchtende Pfade in die Dunklungen hauen, visionäre Wissenschaftler und Künstler, die gegen den anfänglichen Widerstand der Etablierten bisher ungekannte technische Möglichkeiten oder Formensprachen hervorbringen, schillernde Persönlichkeiten, die durch ihr Leben Antwort darauf geben, zu was Menschen jenseits des Gewöhnlichen fähig sein können, (Was kann ein Mensch? – die entscheidende Frage der Renaissance), sie alle sind Ausreißer. Sie werden selbst zu Nochniedagewesenen oder erzeugen durch ihre Werke etwas Nochniedagewesenes. Ihre Werke und Taten sagen: Ohne Freiheit bist du nichts. Aber ohne Freiheit sind auch keine Kulturen möglich. Das organisierte Zusammenleben der Menschen mit all seinen Strukturen, sozialen Rollen, seinen metaphysischen und weltlichen Erzählungen, die Menschen zu Einwohnern derselben Sphäre machen, war und ist der vermutlich folgenreichste kreative Akt, den wir über die Jahrtausende hervorgebracht haben. Am Anfang standen die Ausreißer, stand das Unwahrscheinliche, Ungedachte, die Ausnahme.