Zorn und Eris

Achilles ist der Zorn, der innerhalb der Zwietracht zeigt, zu was der Mensch fähig ist – wieviel Troer man killen kann. Doch worin besteht der Zwiespalt? Drei Göttinnen erscheinen vor dem Menschen Paris, einem jungen Mann, der – nicht anders als Herakles und so viele andere junge Männer und Frauen – vor dem Scheideweg seines Lebens steht. Die Eine Göttin offenbart sich in drei Facetten. Indem er sich für eine entscheidet, leugnet er die beiden anderen inneren Motive seines Seins.

In ihm wohnen die Liebe (das Gefühl), die Weisheit (der Geist) und die Macht (das wirkmächtige Handeln). Den goldenen Apfel reicht er Aphrodite, doch das entscheidende Moment ist die Leugnung der beiden anderen Aspekte, die fortan ungelebt und verdrängt in ihm wirken. In ihm selbst, dem Troer Paris, entsteht der Zwiespalt, beginnen Kräfte der Verdrängung zu wirken, beginnen die ungelebten, unerlösten Aspekte gegen die Verdrängung anzukämpfen, versuchen die Mauern der Abwehr zu überwinden, um ins Ich einzudringen. Troja ist das Ich des Paris. Im Dienste von Geist und Macht stehen Achilles und Odysseus, doch es fehlt die Liebe. Die Liebe hielt Einzug in die Stadt; das Ich des Paris ging ganz in der Liebe auf, doch der Liebe fehlte die Weisheit und die Durchsetzungskraft. Paris erzeugte in sich eine psychische Trennung, verbannte das eine in die dunklen Gründe des Unbewussten, und ließ nur das andere – die erotische Liebe – in sein Selbstbewusstsein ein. Fortan musste Paris ein zerrissener Mensch sein.

Die Eine Göttin lässt sich nicht ungestraft teilen. Doch was hätte der junge Mann tun sollen? Geblendet von den verheißungsvollen Wegen, die die Lebenskraft ihm in den Visionen zeigte?

Wäre es ein Mythos aus Indien, wir würden von einem jungen Yogi hören, der die Lektion zu lernen hätte, das unendliche Spektrum der Erscheinungen der Großen Göttin, Mahadevi, zu schauen, zu verstehen und in sich selbst die alles vitalisierende Lebenskraft zu kultivieren. Er hätte Liebe, Geist und Macht in sich bündeln können zu einer großen Kraft, die ineinanderfließt, ihre Form verliert, zu einem sengenden Feuer wird, das alle inneren Widerstände verglühen lässt. Er wäre zur Essenz der Göttin durchgedrungen, die reine Kraft ist, Energie, die uns durchströmt und lebendig sein lässt. Unnötig wäre es gewesen, die Liebe von der Macht zu trennen (Helena war die Frau eines mächtigen Griechenfürsten), und unnötig auch, die Liebe vom Geist zu trennen, denn der Geist wird sich dem Unbewussten überlegen zeigen. Der Geist hat kein Interesse an Objekten, nicht an der Person der Helena, wohl aber an der Idee, ins Ich einzudringen.

Die Trennung ist das eigentliche Dilemma: Die Entscheidung für einen Teilaspekt seines Wesens und damit die Entscheidung gegen die anderen Aspekte, die dann aus der Verdrängung heraus ihr Recht einfordern – ohne die Kontrolle des Ichs, gleichsam mit autonomer Kraft. Das Dilemma des Menschen.

Jede Person, der jemand begegnet, steht in der Wahrnehmung eines Menschen für solche Teilaspekte. Und diese Personen wiederum projizieren ihre innerpsychischen Entscheidungen auf ihre Mitmenschen und reagieren mit Eifersucht, Neid, Ablehnung oder Gier, Begierde, Besitzdenken usw. Die Liebe als Eros gebärt sich aus dem Gefühl des Mangels. Eine höhere Liebe als die des Eros umfasst alle Teilaspekte und umarmt alle drei Göttinnen gleichermaßen. Doch das war zuviel verlangt von dem jungen Paris.

Auch hier kein Heilsweg, kein Weg zur Erlösung, sondern nüchternes Dokumentieren der menschlichen Natur, wie sie sich im Normalfall, unerlöst, darbietet.

Eris, die Göttin der Zwietracht, wirft den goldenen Apfel auf Peleus` Hochzeit (Achills Vater) unter die Gäste, und die drei Göttinnen beginnen um ihn zu streiten. Paris soll später die Entscheidung fällen. Eris gewinnt ihre Größe durch die innerpsychischen Trennungen. Eris ist die Kraft, die aus den Fragmentierungen entsteht; sie ist die innerpsychische Dynamik, die folgerichtig aus der Spannung von Verdrängtem und Bewusstem erwächst. Sie ist Ausdruck jener unerlösten Bindekraft, die Fragmentierungen nicht zulassen kann. Eris ist verhinderte Liebe. Durch den Widerstand gegen die Integrierung des Verdrängten durch das bewusste Ich wird die Kraft, die Trennungen überwinden will, zu einem Feind des Ichs. In Eris zeigt sich der Zorn. Die tiefe Frustration der Aspekte, die im vermeintlich Ganzen nicht zugelassen sind, mobilisieren sich und stürmen gegen die hohen Mauern des Ichs. Je stärker sich das Ich durch meterhohe Stadtmauern zu schützen weiß, desto größer wird der Zorn. Eris lässt Achill von der Leine. Und auch der Geist, der letztlich Einheit ist, und sich nicht dauerhaft separieren lässt, greift in seine Trickkiste: Odysseus, aus Freude an intelligenten Plänen, findet die Lücke in der sonst stabilen Abwehr des Ichs. Hat sich Paris für die Liebe entschieden, für Eros? Für die Begierde, das Habenwollen? Kann er kriegen! Stellt ihm das hohle Pferd vor die Tore. Er wird es haben wollen und sich aus Freude an seinem Besitz berauschen. Das Ich betäubt sich, wird nachlässig, schläft trunken ein. Die Abwehrmechanismen sind außer Betrieb, die Griechen erobern die Stadt. Doch der Zorn ist übermächtig, die Frustration führt das Zepter. Keine Versöhnung, keine Integration. Nicht Aufnahme in die Stadt war das Begehr der Griechen, sondern ihre Vernichtung und die Rückeroberung dessen, was sich Paris nahm und ihm nicht zustand.

So auch in der modernen Welt. Nicht den Islam hat der Westen verdrängt, sondern seinen eigenen verbohrten Fundamentalismus, seine Rechthaberei, seine Tendenz zur Intoleranz, zur Ablehnung des Anderen. Diese Aspekte werden desto deutlicher im Gegenüber sichtbar und dort bekämpft. Zwietracht.

Die Schwäche, die Hoffnungslosigkeit, der Verlust der Würde und Selbststärke – Aspekte des modernen Menschen in Europa, vor allem in Deutschland, aber uneingestanden, verdrängt, uns geht’s doch gut in der besten aller Welten!, und so wird all dies projektiv sichtbar in Asylsuchenden. Was da bekämpft wird, ist nicht der Asylant oder der Fremde, sondern der Verlust der Würde, der lohnenswerten Lebensperspektive, der Selbststärke und der eigenen Wirkmächtigkeit, den der Deutsche oder der Europäer sich nicht eingestehen kann.

Das Uneingestandene in uns führt zwangsläufig zu Separierung, zu innerer Abtrennung, zu Trennung. Hier wird Eris, die Göttin der Zwietracht, mächtig, und auf beiden Seiten werden Helden geboren. Eris ist die vibrierende Spannung zwischen den Polen, die die Unwissenheit entstehen lässt, und ihre fleischgewordenen Vollstrecker sind Achill und Hektor. Der Zorn, der überwinden will, was trennt, dessen Leidenschaft aber verbrennen lässt, was verbunden sein wollte.

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