literatur

Gott die Augen stehlen

Zum Verhältnis Mensch – Maschine
Über Sinnverluste und Sinnstiftungen

30. Sept. 2024, Essay, Phänomen-Verlag, 142 S.

Aus dem Vorwort:

Im Jahr 1957 schoss die Sowjetunion den ersten Satelliten, Sputnik 1, in den Orbit. Heute umkreisen Tausende von Satelliten die Erde, richten ihre Augen auf den Planeten, senden und empfangen Daten, messen, beobachten, leiten und spionieren. Der Beginn der Industrialisierung liegt kaum zweihundert Jahre zurück, über Dampfmaschinen, Telegraphen, Automobile, Flugzeuge führte der Weg zur Raumfahrt, zur Biotechnologie, zum Internet, zur Digitalisierung, zur AI. Die zunehmende Vernetzung der bisher einzelnen Technologien lassen diese zu einer Metamaschine verschmelzen.

Die Menschheit ist deren Urheberin und Gefangene gleichermaßen. Als wollte sie sich aus der Zumutung, Teil der Biosphäre des Planeten bleiben zu müssen, befreien, konstruierte sie sich dank ihrer Kunst- und Gestaltungsfähigkeit, griech. téchne, eine alternative Welt aus Technologien.

All dies wäre ohne eine kollektive Überzeugung der Machbarkeit und ohne die Phantasie von Visionären kaum möglich gewesen. Technologische Entwicklung, verstanden als das Ergebnis menschlicher gestaltender Tätigkeiten, bedarf einer bestimmten Vorstellungskraft, einer geistigen Vorwegnahme des Wünschenswerten. Und sie bedarf überdies einer metaphysischen Erlaubnis zur Selbstermächtigung und Emanzipation von seiner ursprünglichen biosphärischen Teilhabe.

Im ersten Teil dieses Essays wird der historische Weg dieser metaphysischen Selbstermächtigung nachgezeichnet, im zweiten Teil verschiedene Aspekte der gegenwärtigen Folgeerscheinungen des menschlichen Lebens mit und in der Maschine untersucht.

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Eine psychonautische und mythologische Reise des Psychologen und Schriftstellers Matthias Thiele entlang der Bilderserie “Die Befreiung. Schritt 1” der Künstlerin Felizitas:Immer.

November 2024 erschienen und überall im Buchhandel und online erhältlich.

Aus dem Buch:

“In vielen Menschen tobt ein alter Krieg. Ein Krieg mit tausend Gesichtern, in tausend Bildern. Der Krieg im Heimatland der Künstlerin, der Krieg ihrer und unserer Vorfahren gegen- und miteinander, der Krieg der Mächtigen gegen die Ohnmächtigen, der Krieg gegen die Frauen, die Kriege unserer Vorväter, die Tränen der Mütter um ihre Söhne, der Schmerz der Väter um ihre Töchter, der Krieg, der auf dem Schlachtfeld des Geistes von Priestern um die Seelen der Menschen geführt wurde, der Krieg, der immer eine Begründung findet, aber keine Berechtigung.

Der Schmerz der Vorfahren wird an die nachfolgenden Generationen weitergegeben, er verliert nur die Sichtbarkeit seiner Ursachen. Der Schmerz transformiert sich in Zorn, in Hass, in Melancholie, er konstruiert sich seine neuen Konflikte, erschließt sich neue Schlachtfelder.”

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Mads Telli: Tagebuch eines Ausreißers

2007 – 2023

erschienen am 29. Februar 2024,

480 Seiten, Paperback, herausgegeben von Matthias Thiele

Die persönlichen Aufzeichnungen Mads Tellis (ein nicht zufällig gewähltes Pseudonym von Matthias Thiele) zu nahezu allem – Metaphysik,
Erotik, Zeitgeschehen, Kunst und Literatur: sehnsüchtige, ironische und
kritische Blicke aus der seelischen Ferne des Ausreißers auf die Dinge, die
Menschen umtreiben.

Psychologie ist Kunst, ist Poesie – wenn man es will.

„Der Begriff des Ausreißers lässt an ausbüxende Kinder oder statistische Messwerte außerhalb eines Erwartungsbereichs denken. Ausreißer stellen jene Ordnungssysteme, deren Teil sie sind oder sein sollen, durch ihr Sein in Frage. Ihre Individualität überwiegt. Sie sind und bleiben Ausnahmen. Ausnahmen, die, weil sie Tatsachen sind, die Quelle von Kreativität im Individuellen wie im Kollektiven sind. Sie sind Nochniedagewesene und bringen Nochniedagewesenes hervor. Ihre Werke und Taten sagen: Ohne Freiheit bist du nichts. Aber ohne Freiheit sind auch keine Kulturen möglich. Das organisierte Zusammenleben der Menschen mit all seinen Strukturen, sozialen Rollen, seinen metaphysischen und weltlichen Erzählungen, die Menschen zu Einwohnern derselben Sphäre machen, war und ist der vermutlich folgenreichste kreative Akt, den wir über die Jahrtausende hervorgebracht haben. Am Anfang standen die Ausreißer, stand das Unwahrscheinliche, Ungedachte, die Ausnahme.“

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Und im Abgrund wohnt die Wahrheit

Roman, 366 S., Phänomen-Verlag, 2017

„Ich hacke die Buchstaben in die Tastatur, als suchten meine Füße Halt in Felsvorsprüngen.“

Ein Roman über die Fallstricke einer aus dem Ruder laufenden Selbstfindung. Darin unter anderem Theodora, die schöne und abgründige Yogini. Ein fastender Yogi an den Verbrennungsghats von Varanasi. Ein reicher Sufi in Tanger, der Milos Asyl gewährt. Drogenverwirrte Hippies. Und ein Sitar spielender Expsychologe, der alles verliert (und dadurch vielleicht alles findet?)… und natürlich Bondgirl.

Eine aberwitzige Lebensreise durch die Neunziger und Zweitausender, durch Indien, Portugal, Marokko und Ostdeutschland…

“… Aber Indien. Das Land wie eine Göttin, eine nicht mehr ganz junge, auch nicht ganz schlanke, etwas überschminkte Muttergöttin, nährend, streng, zigeunerhaft, eine Hetäre auch, Priesterin und Hure zugleich, das Hure-Sein als heiliger Dienst. Indien ist nicht sexuell, aber es ist erotisch, Indien, oder besser die Muttergöttin dieses Landes, weckt den Eros, weckt das Begehren. Begehren in alle Richtungen, es erzeugt ein tiefes Habenwollen nach allem, was in der Seele an begehrenswertem Bildmaterial herumschwirrt, nach Glitzer, Tüchern, kleinen Metallstatuen, nach Chai und Masala Dosa, nach schwarzem Tee mit Ingwer und nach bunten Farben, nach den bildwerdenden Göttern, die man gern immer bei sich hätte, als Bildchen, Ketten, als Hemdaufdruck, in der Seele, in der Meditation. Mutter Indien weckt die Gier, auch die Gier nach Erleuchtung, Yoga, Kundalini, Chakras, Prana, Einatmen, Ausatmen, Atem, Atman, das will man alles haben, die Lust auf erweitertes Bewusstsein, und auch auf Palmen und kleine Hütten an tropischen Stränden und auf die hohen Berge, höher geht es ja nicht, die höchsten müssen es sein, so ist Indien.”

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ZORA oder von der Unmöglichkeit, einen Zweiten seiner Art zu finden

Roman, 374 S., Phänomen-Verlag, 2022

Zora spricht:

“Mein Fleisch also. Ich reiße es mir aus dem Oberschenkel und gebe es in den Kessel, den Tristan über seinem alchemistischen Feuer an den Dreifuß gehängt hat. Ich weiß und er nicht. Dies allein ist der Unterschied zwischen uns beiden. Ich ahnte es, als er damals, vor vielen Jahren, in Andalusien in meinen Bus stieg. Und ich wusste es, nachdem wir tausend Kilometer miteinander gefahren waren. Ich gebe mein Fleisch hinzu, doch es wird seines sein, das verbrennt.“

Ein schwieriges Buch in Zeiten der Hypermoralität

Sehr allgemein gesprochen geht es in ZORA um Entfremdung. Die wesentlichen Figuren sind allesamt und auf sehr unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Ebenen entfremdet, entwurzelt, haltlos trudelnd und auf verschiedene Weisen darum bemüht, ihrem Leben, ihrer Persönlichkeit und ihrem Handeln einen Sinn zu geben. Ihre Konturen gewinnen sie anfangs lediglich durch ihre passgenauen individuellen Obsessionen, welche die dröhnende Stille der Entfremdung lindern sollen, was allerdings nicht gelingt – nicht gelingen kann. Ähnlich wie David Foster Wallace über David Lynch sagte, werden Obsessionen hier im psychologischen Sinne zu Fetischen. Kein Fetisch kann tatsächlich das Gefühl innerer Entfremdung kompensieren, da er zwar manchmal knapp, aber dennoch den Kern des Sehnens verfehlt.

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Als Co-Autor mit Roland Gumpert:

Ohne Limit

Mitteldeutscher Verlag, 2022, 320 S.

Für Abenteuerhungrige, Technikfreaks, Autofans, aber auch für alle, die Autos hassen oder schlicht an ihnen kein Interesse haben. Autos spielen in diesem Buch nicht die Hauptrolle. Sie sind lediglich die Requisiten in diesem Roadmovie über einen, der auszog, die Welt zu erobern, die Liebe zu finden, zu siegen, und – wenn unumgänglich – stilvoll zu scheitern. Die Schauplätze: das Deutschland der Nachkriegszeit, Österreich, Ingolstadt natürlich, Afrika, Frankreich, Italien, Australien, Thailand, China. Die Sahara, der Mount Kenia, Norwegen und Finnland, Monte Carlo und Sanremo. Es tauchen auf: besessene Ingenieure, ein sagenhaft reicher Scheich, A-Liga-Rallyefahrer, sündhaft schöne Frauen und mächtige Konzernchefs. Ein Schmöker für (nicht nur) Autofans.

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siehe auch: https://www.rolandgumpert.com/

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Das stolze Licht – Wie Zorngeborene die Welt erschaffen

Essay, 330 S., Phänomen-Verlag, 2014

Der Mensch begegnet sich als kurzzeitigen Sonderfall von bewusstem Dasein in einer Welt, in der die Vergänglichkeit regiert. Ihm droht das unabwendbare Verlöschen. Seit Jahrtausenden versucht er Lösungen für dieses Problem zu finden. Kulturen sind dabei nicht nur organisiertes Zusammenleben von Menschen, sondern ebenso expansive Weltentwürfe, hinausgeworfen in das Unbekannte, die das drohende Verlöschen, und das Gefühl essenziellen Verlorenseins auf Distanz halten sollen. Dieses Essay unternimmt den Versuch einer psycho-kulturellen Biografie dreier Kulturen: der abendländischen, der indischen und der griechisch-römischen. Deren Metaphysiken werden explizit als konquistadorische Urbarmachungen des Nichts verstanden. Es erkundet die Möglichkeiten eines neuen Bewusstseins, das den Menschen in diesen verwirrenden und globalisierten Zeiten zu sinnvollen Navigationen befähigt.

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Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis

Sachbuch, 430 S., Phänomen-Verlag, 2012

In Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis präsentiert Matthias Thiele eine Synthese aus jüngsten psychologischen Erkenntnissen und traditionellen Vorstellungen des Tarots. Ausgehend von Konzepten moderner Entwicklungspsychologie, des Yoga, Buddhismus und abendländischer Mystik entwirft der Autor eine umfassende integrale Kartografie menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten. Auf diese Weise illustriert er unsere Wachstumspotenziale in Form von intensiven Bildern unseres Unterbewussten. Ebenso lebendig wie fundiert geschrieben gibt dieses Buch dem Leser ein wertvolles Instrument zu Selbsterkundung und Wachstum in die Hand.

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Sei! Du! Selbst! Eine Kritik des Radikalen Humanismus

Essay, 180 S., Phänomen-Verlag, 2019

„In der Aufforderung ‚Sei du selbst!‘ bündelt sich das grundsätzliche Paradoxon des Radikalen Humanismus. Was in eine vermeintliche Erlaubnis zur freien Selbstgestaltung gekleidet ist, entpuppt sich als eine unerbittliche Direktive, die dem Menschen implizit zu verstehen gibt, alles mögliche, nur nicht er selbst zu sein, es aber sein zu können. An dieser Aufgabe erfährt der Mensch unserer Tage sein zum Programm gewordenes Versagen in eigener Sache. Das individuelle Sein wird zu einer Leistung, die zu erbringen ist, aber nie abschließend erbracht werden kann. Die Konsequenz ist eine Verhinderung von persönlichen Identitätsgefühlen und damit die Erzeugung einer permanenten Stresskultur. Der postmoderne Mensch, angeschlossen an die digitale Vernetzung, die ihm diese paradoxe Aufforderung Tag für Tag in den Wahrnehmungsraum stellt, wird zu einem seiner selbst zutiefst unsicheren und damit manipulierbaren Objekt.“