Leseprobe: ZORA – Fragment I

Editorial

Nachtrag vom 3. Mai 2020:

Ende des kleinen Experiments. Danke für das rege Interesse! Rückmeldungen sind übrigens sehr willkommen. Demnächst wird der Roman, nach Lektorat und entsprechender Überarbeitung, ganz regulär veröffentlicht.

24. 3. 2020

Seit jeher erzählte man sich Geschichten, wenn man um die Feuer saß und es jenseits des warmen Lichtscheins dunkel und gefährlich war. Also möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Was könnten ein Autor und ein Verlag sonst den Menschen geben? Für viele Menschen wird das Budget knapp, Buchkäufe stehen auf den Listen Vieler im Moment nicht gerade ganz oben. Deswegen habe ich mich entschlossen, meinen neuen Roman für eine bestimmte Zeit mit euch zu teilen.

Die Download-Links findet ihr hier:

http://www.phaenomen-verlag.de/buch/zora-matthias-thieles-neuer-roman-zum-download/

oder hier:

https://www.parallax-magazin.de/kolumne/zora-die-zora-metelli-fragmente-matthias-thieles-neuer-roman-zum-freien-download

Der Roman trägt noch deutlich experimentellen Charakter, was allerdings ziemlich gut dem Inhalt entspricht. Es sind noch keine Grate abgeschliffen, keine Kanten abgeschlagen. Lest das erste Kapitel, vielleicht habt ihr Lust auf die Fortsetzung…

Es ist eine Geschichte über Lust und Liebe, über die Suche nach Erfüllung und der Sehnsucht, sich verbinden zu können. Es ist eine Geschichte über die Irrtümer, die uns dabei widerfahren können, über Irrwege, die manch einer oder manch eine einschlägt. Über Irrwege durch seelisches Unterholz und körperliche Umwege zur Liebe. Irrwege, die tatsächlich die einzig möglichen Pfade sind, da es keine anderen gibt. Und doch ist es eine Geschichte in Liebe und für die Liebe.

 

 

ZORA

Die ZORA METELLI-Fragmente

von Matthias Thiele

 

Inhalt

Teil 1 – Gespinst

Fragment I – Die Lesung

Fragment II – Anaí

Fragment III – Der Bus

Fragment IV – Heinrich

Fragment V – Clodia Metelli (Zora wird erfolgreich, Milos hadert)

Fragment VI – Der Verlag

Teil 2 – Annäherung

Fragment VII – Die Ausstellung

Fragment VIII – Das Hausboot

Fragment IX – Die Fabrik

Fragment X – Zoras Abgründe

Fragment XI – ArtcOre

Teil 3 – Bruch

Fragment XII – Indien

Fragment XIII – Wölfe und Schwäne

Fragment XIV – Zuggedanken – Fluggedanken

Teil 4 – Fraktal

Fragment XVI – Das Manuskript

 

***

Das Fragment ist das heile Teil der Moderne. Wenn man nicht seinen Frieden damit schließt, daß die Arbeit Fragment bleiben muß — in unserer Generation sowieso — eigentlich schon das ganze 20. Jahrhundert hindurch, daß die Arbeit nie übers Fragment hinauskommen wird und man das Fragment als solches überhaupt nur favorisiert, weil sonst überhaupt nichts zu machen ist — dann hat man nichts verstanden. Und das lehrt einen Bescheidenheit. 

Thomas Kling

***

Was sind vergangene Ereignisse, wenn nicht in Schnappschüsse gekippte Erinnerungen?

Was, wenn die Bruchstücke einer Biografie nicht anders wären als Filmschnipsel, und wenn wir die Gegenwart von ihrer zwingenden Macht befreiten? Sehen wir einen Film, dann treten wir anschließend aus dem Kino, reiben uns die Augen und wissen, dass alles nur Allegorie und Kunst war. Und doch berichten wir unsere Biografie, als wäre sie ein statisches Gebilde, das vor einem Schwurgericht standzuhalten hätte. Wie viel besser wäre es, könnten wir die Begebenheiten unseres Lebens als Regisseure in eigener Sache zu in sich abgeschlossenen Fragmenten bündeln, sie neu erzählen, neu schneiden. Wie oft fühlen wir uns dem Protokollarischen verpflichtet und merken dabei nicht, dass wir uns in ein erzählerisches Korsett zwingen, das den Weg enger und enger werden lässt.

In lichten Momenten konnte ich fühlen, wie wir hätten zueinander finden können. Entscheidungen erzeugen Weggabelungen der Ereignisse, eine kosmische Verästelung, die in geheimnisvollen Dimensionen das, was hier geschieht, vielleicht auf andere Weise fortführt. So nahe ist mir eines der parallelen Leben, so nah, dass es mich streift, dass der Windhauch, der mir dort, in jenem parallelen Leben, über das Gesicht fährt, spürbar ist. Gibt es Paralleluniversen? Manche sprechen davon, ein geflüstertes Gerücht, gespeist aus Sehnsüchten. Wie kann ich zweifeln, jetzt, da es so nah ist. Nein, ich bin nicht in dich verliebt, du erinnerst mich lediglich an all die Empfindungen, die ich stark vermisse. Sehe ich deine Haut, diese braune Haut mit den feinen blonden Härchen drauf, schmecke ich Salz, weht mir feuchte Luft vom Meer durchs Haar, spüre ich warmen Sand zwischen den Zehen. Es ist nicht deine Haut, die ich schmecken möchte, sondern das Salz des Indischen Ozeans, des Arabischen Meeres oder des Pazifiks. Deine kühlen ruhigen Augen sind meine Augen. Sind meine Augen, die mit stiller Resignation die Langeweile sehen müssen, die mich tagtäglich umgibt. In deinen Augen die Gleichgültigkeit gegenüber allem, das den tristen Alltag füllt, in deinen Augen, weit hinten, fast nicht zu sehen, das große Weh, das Fernweh, ein Fernweh, das Tränen in die Augen treibt, so stark das Sehnen.

Es ist Tod und damit Leben. Ich gestatte dir, mein routiniertes Leben zu zerstören. Ich sehe in dieser unmöglichen Romanze die Axt, die mich von den Fesseln befreit, in die ich mich verheddert habe. Was ist Liebe?, antwortetest du, als ich dich fragte, ob es jemanden gibt, den du liebst.

Wer bist du für mich? Der zu Yin-Fleisch verdichtete Traum von Freiheit. Doch Freiheit ist Tod. Tod dem festen Leben, Tod den zehntausend Erfahrungen, die aus den Archiven des Langzeitgedächtnisses eindringlich wispern: Bleib! Wie du gestern warst! Lass dich einstricken in die Halluzinationen dessen, was vermeintlich real ist, weil es war und weil es stattgefunden hat. Lass dich einbinden in die Story deines Ichs, in den Plot einer vergeblichen Biografie.

***

  Teil 1  –  Gespinst

 

Fragment I

Die Lesung

Kühle Tröpfchen fallen aus der grauen Novemberluft, und ich spüre sie wie Nadeln des Schicksals, das mich auslacht. Ich stütze mich mit der linken Hand auf den Stockschirm, Mantel und Haar werden feucht, mein Herz schlägt zu schnell. Ich bin aus der Buchhandlung getreten und weiß nicht, wohin ich gehen soll.

Eine Stunde zuvor

Wie voll es ist. Die Stühle in der großen Buchhandlung stehen eng aneinander. Menschen drängen, um sich einen guten Platz möglichst weit vorn zu sichern. Ich lege meinen Mantel auf einen Stuhl am Rand der letzten Reihe. Sie muss mich nicht gleich erkennen. Ich sehe viele junge Leute, vornehmlich Männer. Klar, das Porträt auf dem Buchrücken ist verführerisch. Doch auch ältere ergrauende Langhaarige mit Ansätzen zu Schmärbäuchen, vermutlich Nostalgiker, ähnlich gefangen in einem Leben, das sie nie wollten, wie ich, sehnsüchtig sich zurückerinnernd an jugendliche Abenteuer, da das Leben aufregend zu bleiben versprach. Ein Versprechen, das sie selbst gebrochen haben, ähnlich wie ich. Und natürlich auch ein durchschnittliches Publikum, Freizeitleser, die sich Literaturinteresse als Requisite an ihre Persona geheftet haben.

Zwanzig Uhr soll die Lesung beginnen, so hat auf den Plakaten gestanden. Die letzten Raucher treten draußen ihre Kippen aus, zwängen sich durch die Stuhlreihen auf ihre Plätze, über denen ihre Jacken hängen.

Der Geschäftsführer der Buchhandlung betritt die improvisierte Bühne, dem Anlass entsprechend angetan mit offenem weißen Hemd ohne Krawatte, einem dunklen Jackett über der dunkelblauen Jeans. Mit salbungsvollen Worten spricht er von einem neuen leuchtenden Stern am Literaturhimmel, von einer literarischen Sensation der Saison, von der Überraschung, die selbst auf dem hart umkämpften Autorenmarkt noch immer möglich sei, von einer Ausnahmekünstlerin, deren Formbewusstsein sich nicht nur in Literatur, sondern mithin auch in bildender Kunst, Skulpturen, Malereien, performances bewiesen hätte, mir wird übel. Ich hatte sie in der Werkstatt bekifft Metallteile zusammenschweißen gesehen, Gerippe aus Stahl wie prähistorische Fossilien eines fernen lebensfeindlichen Planeten, und ich hatte sie irre lachen gehört, als sie einen Mutterschlüssel als Penis in eine entfernt an einen Ziegenbock erinnernde Konstruktion verschweißt hatte, „Mutterschlüssel“ hatte sie gerufen, „verstehst du? Mutterschlüssel!“, und in ihrem Mundwinkel hatte der Joint gehangen, erloschen mittlerweile, und: „Haste Feuer?“ und ich war von dem Hocker aufgestanden und hatte ihr Feuer gereicht.

Der Geschäftsführer ist endlich mit seinem Sermon fertig und kündigt nun die Künstlerin derselbst an, Zora Metelli, man solle sie herzlich begrüßen, sagt der Geschäftsführer begeistert.

Kurze Pause. Wo ist sie? Die Eingangstür öffnet sich noch einmal. Zora betritt den Raum. Sie pustet Rauch aus ihrem Mund. Offenbar hat sie gerade eine Zigarette ausgedrückt. Nein, sie raucht nicht. Oder, heute vielleicht?, damals jedenfalls rauchte sie nur Joints, keine Zigaretten. Vielleicht hat sie gekifft. Würde passen. Ich senke den Kopf, damit sie mich nicht erkennt. Ich spüre den Windhauch, als sie an mir vorüber geht, die Stuhlreihen abschreitet, zügig, nicht exaltiert, ganz natürlich. Man sagt, ein Zuspätkommen sei ein Mittel, sich in Szene zu setzen. Sie hat sich in Szene gesetzt, indem sie unerwartet zur Eingangstür hereinkommt und dabei marihuanageschwängerten Rauch auspustet. Ihr Gespür für performances ist ausgezeichnet, sie weiß, dass es keiner zusätzlichen Geste bedarf. Sie steigt mit einem kräftigen Schritt auf das Podium und sagt „Hi!“

Sie trägt schwarze Leggings, ein enges schwarzes Top, darum schlängeln sich die langen blonden Locken. Leggings sind ein modisches No Go, doch bei ihr erstirbt jeder Gedanke daran. Im Schritt des Kleidungsstückes prangt eine Grafik, ein weißer Aufdruck, der das Skelett eines Vogels mit ausgebreiteten Flügeln zeigt. Die grätenhaften Knochen des Schwanzes weisen nach unten, der Kopf nach oben, die ausgebreiteten Flügel erzeugen die Illusion eines Dreiecks, das sich kongruent auf die Möse legt. Ich weiß, dass alle Augenpaare im Raum auf ihren Schritt gerichtet sind. Und sie weiß es auch. Ihre blauen Augen schweifen spöttisch über die amorphe Masse der Zuhörerschaft, ihre breiten Lippen verziehen sich auf einer Seite zu einem ironischen Grinsen. Abrupt setzt sie sich und beraubt die haftenden Augen ihres begafften Gegenstandes.

Ich habe mich gefragt, wie ich fühlen werde, wenn ich sie wieder sehe. Ob mein Herz ein bisschen schneller schlagen wird, ob mir die Knie weich werden, ob ich zornig werde, ob ich mich werde beherrschen können, ob ich nicht schreien werde, Das ist mein Buch, du Hexe!, oder ob ich ganz ruhig bleiben kann, ob mich das alles amüsieren, ich das alles als Schmierentheater genießen kann, in einer Distanz, einer Entrücktheit, die meiner Weltfremdheit angemessen ist. Und nun, da ich sie vor mir sehe, nicht weiter als etwa zehn oder fünfzehn Meter, diese hellen Strähnen, mit denen ich gespielt, und die ich zwischen meinen Schenkel gespürt hatte, und diesen Mund mit den etwas zu breiten Lippen, die sich wie Aale schlängeln, wenn sie lächelt, und ihre Exzentrik, die mit kleinen Inszenierungen die lächerliche Natur des Menschen entlarvt und ihre Egozentrik, die ihr erlaubt, diese bösen Scherze unerkannt zu lassen und sich mit einem inneren Amüsement begnügt. Ich hasse sie. Mein Herz schlägt zu schnell.

Sie liest. Und sie liest gut. Ich hörte sie auch damals gern, ihr klares Hochdeutsch mit einem leichten norddeutschen Schliff und vor allem ihre Stimme. Sie spricht nicht tief, aber sie kann ihre Stimmlage ziemlich variieren. Mal tief, guttural, mal laut und kristallin, eine Theaterstimme, würden einige vielleicht sagen. Das stimmt, aber ihre Theatralik ist nicht aufgesetzt. Sie ist so. Sie verstellt sich nicht, sie gibt sich Ausdruck.

Sie liest also, eindrücklich, mit besonderen Betonungen manchmal, als würde sie den eigenen Text ein wenig ironisieren wollen. Ich bin der Einzige, der diese Ironie versteht. Denn es ist nicht ihr Text, es ist mein Text. Sie macht sich über meine Worte und Sätze lustig. Aber ich gebe zu, dass sie zu ihr besser passen. Sie liest eine Passage über einen Drogentrip, im Vergleich zu anderen Passagen des Buches ein eher harmloser Absatz, aber man fühlt beim Zuhören den Drive, den psychonautischen Irrsinn. Und zu diesem also nun diese Figur da vorn auf dem Podium, diese Furie, diese Schlange, dieser Skorpion, dieser verführende Teufel. Ich registriere, dass ihre Ausstrahlung nicht nur mich erreicht, es herrscht eine etwas fiebrige Unruhe unter den Zuhörern, als würde Zoras Stimme die unteren Chakras der Anwesenden in Wallung bringen und deren Sexualhormonen einen aufmunternden Tritt geben. Man rutscht auf den Stühlen herum und nestelt sich nervös mit den Fingern an den Ohrläppchen.

Zora bricht ab, blättert ein wenig, als suche sie nach einer Stelle, die vorzulesen sich lohnen könnte, scheint versunken, dann lächelt sie, sagt „Ahja, das ist lustig“ und lehnt sich mit dem Buch zurück. Sie beginnt wieder zu lesen. Ich kenne den Passus nicht, sie muss ihn später geschrieben haben. Der Protagonist macht Sex mit der Protagonistin – mit dieser und einem Mann. Ich weiß ja, dass sie mich und sich damit meint. Aber sie platziert einen Mann in unsere Intimität, einen Schwulen oder Bisexuellen, ich weiß noch nicht, worauf sie hinaus will. Aber sie wird im Text explizit, und mit jeder deutlicheren Anspielung, mit jedem Aufbrechen des literarischen Tabus lehnt sie sich weiter nach vorn, legt das Buch wieder auf den Tisch, beugt sich darüber, wirft mit der linken Hand halb illustrierende Gesten in die Luft, sie liest von erigierten Schwänzen, die die Protagonistin lutscht, von der Möse, die geleckt wird, von den Rosetten, die gefingert und mit der Zunge geleckt und gefickt werden, und sie liest vom Schwanz des Protagonisten, der in sie eindringt, während der andere Mann dessen Arsch fickt, sie liest vom Rhythmus, den sie stoßweise in ihren Unterleib dringen fühlt, und dass sie nicht wisse, wer von den beiden diesen Rhythmus vorgebe, ob der Protagonist nicht einfach die Amplituden weiterreiche, die der harte Schwengel des Anderen in dessen Arsch pflanze, Stoß für Stoß. Und ich höre, dass sie mich meint, dass sie mich verhöhnt, dass sie mich fickt mit diesen Sätzen, mich, von dessen jetziger Anwesenheit sie nichts ahnt, und dessen Manuskript sie gestohlen und vermarktet hat. Und ich ertappe mich bei einer gedanklichen Fortführung ihrer obszönen Szene, indem ich meinen Schwanz aus ihrer Möse ziehe und ihn ohne weitere Vorbereitung in ihren Arsch ramme und nun meinerseits sie ficke und diesen Anderen mit einer unwirschen Geste von mir stoße, und ich erschrecke über diese ungerufene Fantasie und dränge sie sofort von mir, ich darf mich nicht von ihr so provozieren lassen, nicht bei dieser Lesung. Ich bin distanzierter Beobachter, ich sondiere die Lage, um später zu entscheiden, was ich tun werde. Unauffällig blicke ich mich um, der Text erregt die Zuhörerschaft, Männer wie Frauen, das ist offensichtlich und Zora hat ihren Spaß dabei, auch das sehe ich, ich kenne sie ja.

Nach etwa einer Stunde ist sie fertig, sie klappt das Buch zu und wendet ihr Gesicht und ihren Blick ins Publikum, ich sehe, wie sich ihre Oberlippe leicht kräuselt, das geschieht immer, wenn sie ein Lachen unterdrückt.

Der Geschäftsführer der Buchhandlung tritt auf die Bühne. Wieder salbungsvolles Gerede, Dankesworte, ein intellektuelles Umdeuten einer eigentlich perversen Show in eine hintergründige Kunstform. Das Obszöne wird zum Provokanten mit gesellschaftlicher Relevanz, sogar von Feminismus ist die Rede. Zora sitzt ungerührt hinter dem Tisch und ihre ironischen Augen ruhen kalt glitzernd auf dem Redner in dem blauen Sakko.

Ob es Fragen gebe, sagt der Geschäftsführer, jetzt sei Gelegenheit, mit der Autorin ins Gespräch zu kommen.

Verlegene Unruhe entsteht, eine kaum wahrnehmbare Zunahme von kleinen Bewegungen aller möglichen Gliedmaßen des Auditoriums. Ein untrügliches Zeichen, denke ich, für den Bruch zwischen passivem Erregtwerden und der Möglichkeit, irgendwie aktiv zu werden, etwa durch eine Frage. Menschen halt. Moment, bin ich anders? Nein. Und ja. Jetzt schon. Die Einladung, Fragen zu stellen, gilt nicht mir. Ich bleibe, wie immer, am Spielfeldrand. Niemand hebt die Hand, keiner sagt etwas. Der Geschäftsführer, nun auch verlegen, versucht das Schweigen zu brechen und die Zuhörerschaft zu ermuntern:

„Nur nicht so schüchtern. Ich glaube, Frau Metelli beißt nicht!“

Hahaha, ich muss lachen, ein bisschen zu laut, wie ich erschrocken bemerke. Aber ich kann nicht anders, es ist mein Zwerchfell, das die Führung übernommen hat. Ich unterdrücke es schnell und sinke etwas tiefer in den Stuhl. Um mich herum wenden sich einige Köpfe zu mir, richten sich dann aber bald wieder nach vorn. Hat sie mich bemerkt? Hat sie zu mir geschaut? Ich bin erleichtert, vermutlich nicht. Zora schaut gelangweilt woanders hin. Wieder übernimmt der Geschäftsführer das Wort, indem er sich an Zora wendet:

„Nun, Fragen scheint es keine zu geben. Wenn Sie dem Publikum etwas auf den Weg geben wollten, Frau Metelli, was wäre das?“

Zora sieht verwundert zu dem sie erwartungsfroh anlächelnden Buchhändler, als wäre er ein Insekt, das plötzlich versuchte, Tango zu tanzen. Sie schüttelt den Kopf, steht auf, nimmt das Buch vom Tisch und klappt es zu, dreht sich noch einmal zum Publikum, als wolle sie nun doch noch etwas sagen, zuckt dann aber mit den Schultern, springt vom Podium und verschwindet hinter einer Tür, auf der „Personal“ zu lesen ist. Größere Unruhe nun, fast ein Ungehaltensein. Der Geschäftsführer hebt seine Stimme, sie wird etwas schrill, stimmliches Volumen scheint nicht seine Stärke zu sein:

„Frau Metelli macht sich nur etwas frisch! Natürlich steht sie gleich für das Signieren Ihrer Bücher zur Verfügung! Bis dahin machen wir eine kleine Pause, in einer Viertelstunde also geht es weiter. Vielen Dank!“

Einige Leute stehen auf, es sind natürlich die Raucher, einige schnappen sich ihre Zigarettenpackungen, andere ihre Tabakbeutel. Ich ziehe mir den Mantel während des Gehens an, schlage den Kragen hoch, verlasse die Buchhandlung. Es hat zu regnen begonnen. Auf dem Weg nach Hause klopft mein Herz zum Zerbersten, unmöglich jetzt in diesen stillen, toten Wänden zu sein. Ich gehe in eine Kneipe, bestelle ein großes Bier und trinke in hastigen Zügen. Es ist schnell alle und ich bestelle noch eines.

Vor einigen Tagen habe ich das Buch unter den aufwändig beworbenen Neuerscheinungen in einer Buchhandlung entdeckt. Großer Verlag. Ihr Konterfei auf dem Rücken des Umschlags, ihre stahlblauen Augen, ihr langes blondes Haar, offen, ihr großer Mund mit dem charakteristischen Schwung der Lippen, als hätte sich ihr ironisches Grinsen eingegraben in die Muskulatur, in das Fleisch, in die Haut. Auf dem Cover eine Grafik, die andeutungsweise Hippies zeigt, nicht unerotisch, lasziv, ich hätte dieses Cover abgelehnt. Und ihr Name, raumnehmend, die Lettern groß und hedonistisch verteilt über die obere Hälfte des Covers, der Titel etwas kleiner, diese Großkotzigkeit fällt wie ein ausgespuckter Rotzklumpen vom Buch und vor die Augen. Widerlich. Ekelhaft.

Es ist mein Buch. Es ist mein Text. Ich habe ihn geschrieben, jedenfalls den größten Teil. Ich musste heraus aus der Buchhandlung, drehte mit zitternden Händen eine krumme Zigarette, rauchte hastig. Es hatte dünnen Wasserstaub geregnet.

Ich starrte in die feuchte Luft, die Haare wurden nass, ich spürte das nicht. Dann kehrte ich um, zurück in die Buchhandlung. Ich brauche das Buch, muss es haben, muss es lesen, muss sehen, wieviel sie verändert hat, ob überhaupt irgendetwas Eigenes von ihr darin ist. Welche Strahlung das Buch bekommen hat, welche subtile Farbe es hat. Bloß nicht dem Zögern nachgeben, bloß nicht der Furcht folgen, einfach zu dem Tisch mit den Neuveröffentlichungen gehen, das Buch schnappen, zur Kasse gehen, zahlen. Wieviel bekommt ein Autor für ein verkauftes Exemplar? Ein, zwei Euro? Zwei Euro für sie! Mir drehte es fast den Magen um.

Auf meinem Rechner liegt noch immer die eigentliche, also meine Datei, unvollendet, eine Dauerbaustelle, auf der mal dieses mal jenes Kapitel die Plätze tauscht wie nutzlose Sandhaufen, die hin und her geschaufelt werden.

Zuhause angekommen setze ich mich an den Küchentisch, reiße mit zittrigen Händen die Folie von der Hardcover-Ausgabe. Schlage auf. Seite für Seite. Den Prolog. Das erste Kapitel. Was ich lese, ist von ihr, ich hatte noch keinen Anfang geschrieben. Sie justiert die Story neu. Ich hatte mich gefühlvoll dem Thema nähern wollen, hatte es einkreisen wollen wie ein scheues Wild, hatte verstehen wollen. Sie will nicht verstehen, sie hat bereits verstanden, und es ist ihr egal, ob die Leser verstehen werden. Sie wirft sich auf das Thema und zerfleischt es.

Ich schlage irgendwo auf. Da, das ist mein Text. Ich erinnere mich, wie ich ihn geschrieben habe. Der alte Mercedesbus hatte auf dem Parkplatz vor den Dünen gestanden, etwas südlich von Cadaques in Nordspanien. Sie war zum Strand gegangen, ich hatte ihre Silhouette aus der Ferne gesehen. Nackt war sie gewesen. Ich hatte ihr hinterher geschaut, den langen Beinen und den Wölbungen des Hinterns, der blonden Mähne, die ihr, offen und vom Wind zerzaust, auf den Rücken fiel, hatte ihr Spiel mit dem kalten Wasser beobachtet, eine verspielte Najade, die erst vor der Kühle zurückwich und dann doch Gischt aufspritzend in die Wellen sprang, eine aphroditische Szene, die mich unruhig werden ließ. Ich saß, den Laptop auf den Knien, im Sand und hatte jenes Kapitel begonnen.

Und dann war sie aus dem Wasser gestiegen, erst durch die sich brechenden Wellen, und dann war sie in jenem leichten Laufschritt, den man bei Kindern beobachten kann, durch weichen Sand gerannt, und die kleinen Brüste wippten, und das nasse lange Haar klebte auf ihrer Haut. Sie hatte vor mir gestanden und den Kopf etwas gedreht, um sich das Haar auszuwringen, und dann hatte sie sich geschüttelt, und feine Meerestropfen waren auf den Laptop gespritzt, und ich war darüber verärgert, was das solle, ob sie den Laptop ruinieren wolle, und sie hatte gelacht, jenes derbe laute Lachen, für das sie immer die Lippen schürzte und die weißen Zähne und etwas Zahnfleisch zeigte, und Wollen und Zorn gingen in mir eine hormonerzeugende Allianz ein. Mein Blick wurde angezogen von ihrem flachen gebräunten Bauch und vom Venushügel mit den nachwachsenden feinen braunen Haaren. Die Härchen waren noch zu kurz, um sich zu kräuseln, sie hätten meine Zunge nicht gestört, und ich hatte gewusst, dass ihre Haut nun kühl und trocken sein würde, nicht mehr vom Schweiß klebrig und auch nicht heiß von der mediterranen Sonne, und dass ich nur das dezente Salz des Meeres und sonst nur den unverfälschten Geschmack aus ihrer Spalte schmecken würde.

Daran denke ich, als ich den Text der aufgeschlagenen Seite lese. Nicht an die Worte, nicht an unser Projekt, sondern an meine Obsession. Ich spüre in mir einen Nachhall jener Erregung, eine Erinnerung, die nur Körper ist, nicht Bild, nicht Gefühl, nur Nervengeflecht und Hormoncocktail. Mein Schwanz richtet sich auf, gegen meinen Willen, eine sinnlose Erektion, ein aussichtsloses Körperwollen.

Ich blättere ein paar Seiten weiter. Ich weiß noch, dass dann eine Passage folgen müsste, die sie geschrieben hatte. Zugedröhnt von jenem weißen Pulver. Das „Böseste vom Bösen“ hatte sie lachend gesagt, als ich sie damals danach gefragt hatte. Sie hatte einen Becher mit Weißwein eingegossen und neben sich gestellt, auch am Strand, aber an einem anderen Tag, in einer anderen Gegend. Es muss etwas nördlich von Barcelona gewesen sein, ich weiß es nicht mehr genau. Ich hatte sie beobachtet, ihre seltene Konzentration, den vornüber gebeugten Oberkörper, das lange Haar, das ihr Gesicht verborgen hatte. Den Weißwein hatte sie kaum angerührt. Ohne abzusetzen hatte sie in die Tastatur gehackt, Wort für Wort, Szene für Szene, Bilder, die, als ich sie später las, sich in die Seele gegraben hatten wie Spinnenhände. Drogenwahn. Schriftlich allerdings. Dass sie mich in ihren Wahn, in den Wahn des eigentlich zu Schreibenden hineinziehen würde, hatte ich nicht bedacht, was, aus der Retrospektive betrachtet, dumm und kurzsichtig gewesen war.

Was sie schrieb, aber auch, wie ich später sehen sollte, ihre Stahlkunst, flossen ungehindert aus ihr heraus. Wenn es das ist, was man genial nennt, war sie es. Die Pforten des Tuns standen ihr offen, und so gab sie ihren Genien jede Freiheit.

Sie war sie. Sie war vollkommen unverfälscht. Von allen Sünden, die sie in sich vereinte, war ihr eine fremd geblieben: der Selbstbetrug und überhaupt die Lüge, vor allem die Lebenslüge. Ich sage damit nicht, dass sie nicht hin und wieder log, im Gegenteil, sie log, dass sich die Balken bogen, aber ihre Lügen waren echt, waren offen. Sie lachte nur, wenn man sie ertappte. Für sie waren es keine Lügen, sondern Geschichten, skizzierte Entwürfe einer auch möglichen Wirklichkeit, Ideen, nichts weiter. Warum, hatte sie einmal gesagt, solle man Menschen mit der Wahrheit langweilen? Sei das nicht das eigentliche Vergehen an der Welt, hatte sie argumentiert, Menschen mit Belanglosigkeiten zu überhäufen, mit den Wiederholungen, die zwangsläufig entstünden, wären die Menschen ehrlich? Und wäre es nicht ein Geschenk an die Menschen, ihnen das Unerwartete, das Überraschende anzubieten?

Und dann hatte sie gelacht, und ich fragte sie nach dem Grund, und sie sagte, ich solle mich und mein Leben einmal anschauen, das sei doch eine einzige Tristesse, und einige alternative Lebensgeschichten stünden mir sicher gut. Und ich hatte zurück gegeben, dass meine Reise und mein Projekt mit ihr alles andere als trist sei, und dass sie sich damit selber nicht gerade ein Kompliment mache. Und sie hatte ohne zu zögern entgegnet, dass ihr Leben tatsächlich aufregend sei, obwohl sie mit mir unterwegs sei, und das meine hingegen eine einzige verklemmte Überspannung und das, obwohl ich immerhin mit ihr zusammen sei. Ich hatte mir dann Wein nachgeschenkt, ich hatte überhaupt zu dieser Zeit viel Wein getrunken, wohl weil ich glaubte, damit ihrem Lebensstil zumindest nahe zu kommen. Dass sie an einem Abend nie mehr als ein Glas trank, manchmal über Stunden hinweg, blendete ich aus.

Sie war ganz sie selbst, und ich war so weit entfernt von mir wie vom Mond. Das soll ihr Verhalten nicht entschuldigen und auch nicht rechtfertigen. Ein Skorpion ist auch er selbst, wenn er zusticht, und eine Schlange ist sie selbst, wenn sie ihre giftigen Zähne in das Fleisch ihrer Beute schlägt. Zora war Skorpion und Schlange, sie war Panther und Wolf, war Hyäne und war Ratte. Das waren ihre Verderbtheit und ihr Adel. Und sie war ein Engel. Ein Engel auf Mission in der Dunkelheit.

Die Nacht liege ich wach. Ich bemühe alle Techniken, die ich kenne, um den Verstand zur Ruhe zu bringen, um den wirren mentalen Flow an Bildern zu stoppen, aber auch den aufgeregten Körper, die Affekte, die zwischen Wut und Begehr pendeln wie eine zu schnelle Unruhe einer alten Wanduhr. Es ist alles vergebens, ich stehe wieder auf, bereite einen Tee, rauche eine Zigarette, sitze in dem hölzernen Lehnstuhl in der Küche. Vor mir, auf dem Tisch noch immer das Exemplar ihres – meines – Romans. Dieses Unglücksbuch, dieses verdammte Scheißding, das mir die Ruhe stiehlt.

Die Ruhe. Wie ein Tsunami war Zora damals in mein Leben geplatzt, oder besser: Ich hatte sie gerufen. Natürlich ohne es zu wissen. Aber hätte ich sie nicht aus meiner Tiefe heraus gerufen, ich hätte sie ignoriert, als ich ihr zum ersten Mal begegnete. Und jetzt? Das Buchexemplar lodert auf dem Küchentisch. Es ist eine Glut, die entfachen kann, was in mir erloschen ist. Mir wird klar, dass es nicht vorbei ist. Aus der komatösen Ruhe wird eine Unruhe, die mich ins Leben zurückreißt.

Ich muss sie sehen. Sie wird Lesungen halten. Ich werde hingehen. Ich werde sie konfrontieren. Nein, ich werde mich konfrontieren. Soll die Schlange mich beißen, vielleicht ist das Gift heilsam.

…Fortsetzung folgt…

Neu erschienen: „Sei! Du! Selbst! Eine Kritik des Radikalen Humanismus“

SEI! DU! SELBST!   Eine Kritik des Radikalen Humanismus

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(Sachbuch, Phänomen-Verlag, ca. 180 Seiten)

„In der Aufforderung ‚Sei du selbst!‘ bündelt sich das grundsätzliche Paradoxon des Radikalen Humanismus. Was in eine vermeintliche Erlaubnis zur freien Selbstgestaltung gekleidet ist, entpuppt sich als eine unerbittliche Direktive, die dem Menschen implizit zu verstehen gibt, alles mögliche, nur nicht er selbst zu sein, es aber sein zu können. An dieser Aufgabe erfährt der Mensch unserer Tage sein zum Programm gewordenes Versagen in eigener Sache. Das individuelle Sein wird zu einer Leistung, die zu erbringen ist, aber nie abschließend erbracht werden kann. Die Konsequenz ist eine Verhinderung von persönlichen Identitätsgefühlen und damit die Erzeugung einer permanenten Stresskultur. Der postmoderne Mensch, angeschlossen an die digitale Vernetzung, die ihm diese paradoxe Aufforderung Tag für Tag in den Wahrnehmungsraum stellt, wird zu einem seiner selbst zutiefst unsicheren und damit manipulierbaren Objekt.“

Eine Leseprobe finden Sie hier: http://www.phaenomen-verlag.de/buch/sei-du-selbst/

Als Taschenbuch oder eBook ist es unter anderem hier erhältlich.

Gretchens Gast – Videopodcast

Über das Verschwimmen öffentlicher und privater Räume, über Jogginghosen und Diagnosen in der U-Bahn, über die Schwierigkeiten, angesichts allgegenwärtiger Überwachungen eine gute Figur zu machen, über Achtsamkeit und Psychonautik… Zu Gast bei Sylvie-Sophie Schindler…

New Podcast – Lateral Conversations 2. März 2019

http://www.tom-amarque.de/lateralconversations/2019/2/24/matthias-thiele-resonanzen

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„… In dieser Episode haben wir eine weitreichende Konversation über tiefliegende psychologische Programme und Konditionierungen, Political Correctness und die Probleme der Linken, Hartmut Rosas Resonanztheorie, spirituelle und politische Besessenheiten, über unsere Antriebe zur Autonomie und Kommunion und Freud´s Ödipus … Enjoy!“ (Tom Amarque)

Neu erschienen: „Und im Abgrund wohnt die Wahrheit“ (Roman)

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„Fragile steht auf dem langen hard case des Instruments und das Symbol eines zerbrochenen Glases, auf mehreren schon vergilbten Aufklebern. Fragile, aber auf die Grenzer muss ich gewirkt haben, als würde ich Maschinengewehre schmuggeln. Ich hatte auf alles verzichten können, hatte alles zurücklassen können, nicht aber dieses Instrument. Sagen wir, es ist das Sprachrohr meiner Seele, die als einsamer Nighthawk irgendwo in mir eine kleine Radiostation betreibt und auf den Frequenzen dieser Saiten sendet.“

Aus: „Und im Abgrund wohnt die Wahrheit“, Roman. Phänomen-Verlag, 2017.

 

Vollständige Leseprobe:

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Mythos und Narrativ

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(veröffentlicht in: http://one-mind.net/was-unterscheidet-mythos-und-narrativ/)

Mythen und Narrative sind zwar ihrer Etymologie nach dasselbe, das „Erzählte“ (griech. mythomain; lat. narrare), in ihrer Konnotation aber unterscheiden sie sich. Diese Unterschiede betreffen nun weniger ihre eigentliche Natur als vielmehr unsere Rezeption.

Die zwölf Aufgaben des Herakles sind ein Mythos, der Big Bang ein Narrativ. Diese Zuordnung lässt sich nicht austauschen.

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Was zu verteidigen ist

Den Islam in Bausch und Bogen als eine „schlechte“ oder „gefährliche“ Religion zu verurteilen, ist lediglich Ausdruck von Uninformiertheit. Organisierte Religionen tragen immer das Potential in sich, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung Menschen zu radikalisieren. Das Phänomen kennen wir auch aus Christentum, Hinduismus und sogar Buddhismus. Doch wie jede Religion trägt auch der Islam eine faszinierende und inspirierende mystische Dimension in sich. Leider sind diese Richtungen selten und schon gar nicht dominierend – aber das war Meister Eckhart (und die christliche Mystik) auch nicht.

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Ich bin nicht Charlie, ich bin niemandes Anhänger

Je ne suis pa Charlie, je ne suis l`homme de personne. Meine Solidarität mit den Karikaturisten-Opfern von Paris bezieht sich auf das beklemmende Gefühl, dass ethische Verfehlungen zu starken Konsequenzen führen können. Das Geheimnis der Meinungsfreiheit: sie versichert uns unter anderem, dass unsere Unbedachtsamkeiten ungescholten bleiben. Insofern ist die Meinungsfreiheit eine humanistische Errungenschaft, ja eine Gnade. Sie erlaubt uns, unsere Kommunikationen als Übungs-Parcours zu verstehen, auf dem Fehltritte als Teil eines ethischen Lernprozesses statthaft sind.

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Zorn und Eris

Achilles ist der Zorn, der innerhalb der Zwietracht zeigt, zu was der Mensch fähig ist – wieviel Troer man killen kann. Doch worin besteht der Zwiespalt? Drei Göttinnen erscheinen vor dem Menschen Paris, einem jungen Mann, der – nicht anders als Herakles und so viele andere junge Männer und Frauen – vor dem Scheideweg seines Lebens steht. Die Eine Göttin offenbart sich in drei Facetten. Indem er sich für eine entscheidet, leugnet er die beiden anderen inneren Motive seines Seins.

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