Neu: „Gott die Augen stehlen“ (Essay)

Gott die Augen stehlen

Über Sinnverluste und Sinnstiftungen

Zum Verhältnis Mensch – Maschine

Erschienen am 30. Sept. 2024.

Essay, Phänomen-Verlag, 144 S.

V O R W O R T

Im Jahr 1957 schoss die Sowjetunion den ersten Satelliten, Sputnik 1, in den Orbit. Heute umkreisen Tausende von Satelliten die Erde, richten ihre Augen auf den Planeten, senden und empfangen Daten, messen, beobachten, leiten und spionieren. Der Beginn der Industrialisierung liegt kaum zweihundert Jahre zurück, über Dampfmaschinen, Telegraphen, Automobile, Flugzeuge führte der Weg zur Raumfahrt, zur Biotechnologie, zum Internet, zur Digitalisierung, zur AI. Die zunehmende Vernetzung der bisher einzelnen Technologien lassen diese zu einer Metamaschine verschmelzen.

Die Menschheit ist deren Urheberin und Gefangene gleichermaßen. Als wollte sie sich aus der Zumutung, Teil der Biosphäre des Planeten bleiben zu müssen, befreien, konstruierte sie sich dank ihrer Kunst- und Gestaltungsfähigkeit, griech. téchne, eine alternative Welt aus Technologien. Die Beschränktheit der menschlichen Sinne wurde aufgehoben durch optische, akustische und haptische Messinstrumente, wie Seismographen für tektonische Signale oder hochauflösende Kameras in orbitalen Entfernungen zum Planeten. Ihre körperliche Verletzlichkeit und Anfälligkeit wurden ausgeglichen durch Kleidung, Architektur, Klimaanlagen, ihre geringe Fortbewegungsgeschwindigkeit durch Autos und Flugzeuge. Ihre Vorstellung von Raum und Zeit entmystifizierte sich erst durch die Zeittaktung, dann durch die vorher unvorstellbare Zunahme von Geschwindigkeiten in Verkehr, Datenübertragung und Kommunikation, welche aus Zeitspannen Informationsströme werden ließen.

All dies wäre ohne eine kollektive Überzeugung der Machbarkeit und ohne die Phantasie von Visionären kaum möglich gewesen. Technologische Entwicklung, verstanden als das Ergebnis menschlicher gestaltender Tätigkeiten, bedarf einer bestimmten Vorstellungskraft, einer geistigen Vorwegnahme des Wünschenswerten. Und sie bedarf überdies einer metaphysischen Erlaubnis zur Selbstermächtigung und Emanzipation von seiner ursprünglichen biosphärischen Teilhabe.

Im ersten Teil dieses Essays wird der historische Weg dieser metaphysischen Selbstermächtigung nachgezeichnet, im zweiten Teil verschiedene Aspekte der gegenwärtigen Folgeerscheinungen des menschlichen Lebens mit und in der Maschine untersucht.

Kaum ein wichtigeres Thema ist in heutiger Zeit vorstellbar: Die Wirkungen auf die Psyche der Menschen, kollektiv wie individuell, sind enorm. Wir stehen inmitten einer Zeit, in der fundamentale Entscheidungen nötig sind. Wir müssen uns fragen, wer wir, als Menschen, sind, wie wir uns zur Maschine und ihren nahezu alle Lebensbereiche berührenden Einflüssen positionieren. Wie wollen wir leben? Als Unterworfene oder als Wesen, die sich ihrer gestalterischen Macht bewusst sind? Übernehmen wir Verantwortung für jene ursprüngliche natürliche Welt, die wir bislang als unerschöpfliches Rohstoffreservoir betrachteten, mit dem Bewusstsein, dass diese unsere Heimstatt und damit auch unsere Lebensbedingung schlechthin ist? Oder nehmen wir ihre Zerstörung in der Hoffnung auf eine bessere, von uns künstlich erschaffene Welt in Kauf?

Die Kürze des Essays macht Auslassungen notwendig. Möge dieses Buch Inspiration für neue Gedanken sein. Auch dies ist Selbstermächtigung – eine Selbstermächtigung, die angesichts der medialen Informationsfluten in Vergessenheit zu geraten droht: selbst zu denken und der eigenen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit zu vertrauen.