Thymos – das vergessene Motiv der Selbstbehauptung. Aus: „Sei! Du! Selbst! Eine Kritik des Radikalen Humanismus“

7 Thymos – das vergessene Motiv der Selbstbehauptung (S. 50 – 61)

Sigmund Freud konzentrierte sich bei der Benennung menschlicher basaler Triebe auf den Eros, fügte später, etwas desillusioniert, den Thanatos hinzu.

Da er sich dabei von seiner eigenen Theorie leiten ließ, entgingen ihm mögliche weitere Grundmotive des Menschen, die der griechische Mythos und die griechische Philosophie durchaus zu benennen wussten. Eines davon ist der Thymos, manchmal mit Stolz, manchmal mit Selbstbehauptung nur sinngemäß übersetzt.

Wir finden den Begriff des Thymos bei Platon, im Phaidros. Der unsterblichen Psyche stellt er den sterblichen Thymos zur Seite. Die drei fundamentalen Triebkräfte des Menschen seien Eros, Thymos und Nous (Vernunft).

Hegel übersetzt Thymos mit Gemüt. In Gemüt finden wir die gleiche etymologische Wurzel, die auch dem Wort Mut zugrunde liegt. In einem weiten Sinne ist Thymos damit auch die Lebenskraft. Hegel sieht im Thymos das Bedürfnis des Menschen, von seinen Mitmenschen anerkannt zu werden. Isothymia sei das Bedürfnis, als Gleicher unter Gleichen gesehen, Megalothymia hingegen, von den Mitmenschen als überlegen anerkannt zu werden.

Als psychologisches Motiv meint der Thymos als umfassendere Kategorie das generelle Motiv des Menschen nach Selbstbehauptung. Diese Selbstbehauptung kann durch unterschiedliche Weisen erfolgen und der Drang nach ihr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Anerkennung durch Andere ist sicher nur eine, wenn auch verbreitete, Einlösemöglichkeit dieses Motivs. Eine andere Möglichkeit wäre beispielsweise im Erfüllen eines subjektiven Wertesystems zu finden. Ernst Jünger schrieb in „Kaukasische Aufzeichnungen“, es ginge darum, sich würdig zu verhalten[1]. Diese Würde muss sich der Selbstprüfung durch das innere Wertesystem stellen. Das thymotische Motiv ist erfüllt, wenn das eigene Verhalten dem Vergleich mit dem eigenen (im Fall Ernst Jüngers recht strengen) Wertesystem standhält.

In „Nach Gott“ fügt Sloterdijk[2] einem Satz eine kleine Ergänzung hinzu: „(Die Quelle des) Stolzes – das Geburtsrecht auf Gelingen…“

Dem zur Seite zu stellen wäre ein Geburtsrecht auf Nichtgelangweiltsein, das das Wagnis des Scheiterns einschließt.

Der Stolz, der Thymos der alten Griechen, als eine trotzige Geste der Selbstbehauptung, in der Antike eine Tugend, wurde vom Christentum als Verweigerung psychischer Unterwerfung zur Sünde erklärt. Das Wagnis des Scheiterns einzugehen, heißt stolz zu sein. Was da gelungen ist, ist die Geste der Selbstbehauptung. Das Scheitern in Kauf nehmen zu können heißt, über genügend Selbsterfahrungswillen, Selbstvertrauen und Selbstachtung zu verfügen.

Trotz aller Inspiration durch die griechische Antike entging selbst Freud der Thymos (der Stolz im Sinne der Selbstbehauptung und Selbsterfahrung) als fundamentales Motiv des Menschen neben Eros und Thanatos. (Es gibt noch eine Reihe weiterer Motive, die wir mit Hilfe der griechischen Mythologie reaktualisieren können.)

Erst die neuere Psychologie entdeckte (und rehabilitierte) dieses Motiv wieder mit Hilfe des Begriffs der Selbstwirksamkeit.

Gelingen meint auch ein Nichtgelangweiltsein vom Leben. „Gelingen“ zu reduzieren auf das Erreichen von konkreten Zielen, greift zu kurz. Hektor, Ödipus, Orpheus scheiterten letztlich an ihren konkreten Zielen, doch ihr Leben war ein gelungenes (weil ein versuchendes, intensives, nicht gelangweiltes), und so nannte man sie Heroen. Ein Heros also, wer sein Leben erfährt, und gegebenenfalls die Nichtgestaltbarkeit in Kauf nimmt.

Ein Held ist, der sich vom Leben nicht langweilen lässt.

Diese Gedanken sind nicht Psychologie, sie sind Philosophie, auch wenn sie sich psychologischer Erkenntnisse bedienen.

Der Thymos als eine der treibenden Kräfte des Menschen ist dem neoliberalen Kapitalismus ein Dorn im Auge, so wie er bisher allen Herrschaftsstrukturen gefährlich war. Thymos ist Stolz, ist Würde, ist Selbstbehauptung im Sinne der Selbstgenügsamkeit – und Selbstgenügsamkeit im Sinne der Selbstbehauptung.

Eine Gesellschaft, die den Thymos der Menschen nicht unterdrückt, kann nur streng basisdemokratisch sein – wenn überhaupt. Thymotisch beseelte Menschen treffen sich auf der Agora oder auf Waldlichtungen und debattieren. Sie streiten, sie werben um Zustimmung unter freien Menschen und sie wählen aus nüchterner Einsicht heraus einen Anführer, Repräsentanten oder König. Die patrizischen Familien des republikanischen Roms waren thymotische Menschen, die freien Männer Athens ebenso. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese antiken Gesellschaften frei gewesen wären. Doch die wesentlichen Entscheidungen wurden von einer Gruppe von Menschen getroffen, die durch ihren Stolz und ihre Würde motiviert waren. Sie entschieden natürlich auch über jene mit, die ihren Stolz nie entwickeln konnten, Sklaven, Unfreie, Arme, Frauen.

Auch in späteren Gesellschaften wirken thymotische Kräfte. Doch sind die Widerstände, welche die Gesellschaft dem Thymos entgegenstellt, durchaus als selektive Kraft zu verstehen, die nur den auffallend starken Thymotikern jene Erfolge bescheren, die dann die Gesellschaft gestalten werden. Da die Annahme der Herrschenden (seit es Herrschaftseliten gibt) lautet, dass nicht jedes einzelne Individuum einer großen Gesellschaft in selbstgenügsamer Würde leben dürfe, wenn das System nicht an der Vielfalt der individuellen Bedürfnisse zerbrechen soll, ist es seitdem Ansinnen der Herrschaftseliten, den Thymos möglichst weiträumig zu unterdrücken. Der Begriff Unterdrückung ist hier nicht politisch, sondern psychologisch gemeint, da der Thymos zum angeborenen Motivationsinventar des Menschen gehört, der sich normalerweise entfalten würde, wenn man ihn nicht aktiv von Anfang an daran hinderte. Die thymotische Verhinderung ist eine aktive Abdressur.

Ein thymotisch gesunder Mensch zweifelt weder an seiner Geschlechtlichkeit, zweifelt nicht an seinem Penis, zweifelt nicht an ihrer Vagina. Persönlichkeitsprothesen wie etwa heute Automarken, Klamottenmarken, prestigetaugliche Hobbys oder Identifikationen mit politisch inszenierten Ideologien wären für thymotisch starke Menschen vollkommen uninteressant. All diese Dinge hätte man aus Freude an der Sache, aus ästhetischen oder sinnlichen Gründen, nicht aber als Füllmasse für eine Leere an der Stelle, an der sich gesunderweise der Selbstwert befinden müsste.

Thymos in seiner reinsten Form (Thymos ist ja, wie alle anderen Motive auch, als ein Kontinuum zu verstehen) führt zu einem starken Menschen, der die Erhaltungskräfte seines Selbstwertes in sich selbst und seinen Taten zu entdecken weiß. Diogenes ist der exemplarische Prototyp. Eine Gesellschaft aus lauter Diogenessen wäre aber nicht vorstellbar, jedenfalls nicht, solange es das Bedürfnis nach äußerem Besitzzuwachs gibt. Einen einzelnen Diogenes, vor allem, wenn er schon seit über zweitausend Jahren tot ist, kann man akzeptieren, er steht als Beispiel für die Kraft der Bescheidenheit (er lebt besitzlos, das kann auch der gehorsamen Masse als Vorbild dienen), aber auch als abschreckendes Beispiel für die Besitzlosigkeit, die mit der Selbstgenügsamkeit einhergeht (hier wird er zum Schreckgespenst, das der gehorsamen Masse suggeriert, dass sie diesem Beispiel besser nicht folgt, das wäre doch arg unbequem). Diogenes also rüttelt als thymotisches Beispiel nicht an der Macht der Herrschenden. Doch wie steht es mit anderen „stolzen“ Menschen?

Achilles ist Thymotiker durch und durch, doch er stirbt jung – auch nicht gerade ein Anreiz, den eigenen Stolz zu entwickeln. Doch über Achilles wäre noch einiges zu sagen. Schauen wir nach seinem innersten Lebensmotiv: Achilles will, dass sein Name unsterblich wird, wenn schon sein Körper sterben muss. Dafür tut er alles und er tut es erfolgreich um den Preis des frühen Todes, von dem er von Anfang an weiß. Achilles wird unbestechlich. Seine eigentliche Heldentat ist nicht der immerwährende Sieg auf dem Schlachtfeld, sondern die vollkommene Kompromisslosigkeit. Wenn eine nicht-abrahamitische Figur mit Recht sagen dürfte „Ich bin der ich bin“, dann Achilles. Diese Tatsache rührt an den Kern des thymotischen Prinzips. Keinen Millimeter weicht Achilles von seinem Weg und seiner Bestimmung ab. Er ist im Sinne der humanistischen Psychologie absolut kongruent. Es ist kein anderer Held vorstellbar, dessen Türen für das eigene Schicksal so sperrangelweit offenstanden. Achilles lässt sich durchfluten von seinem Schicksal, ohne das geringste Bedürfnis, in irgendeiner Weise anders zu sein. Die Frage nach Selbstfindung stellt sich ihm nicht, suchen muss er sich nicht, noch nicht einmal gefunden hat er sich, denn gefunden haben hieße gesucht haben. Es scheint, als wäre die thymotische Kraft ihm in die Wiege gelegt worden, das göttliche Erbe seiner Mutter Thetis (der schönen Flussgöttin) wirkt in ihm als Abkürzung. Andere Helden erfahren sich (Odysseus), erfahren die verheerenden Wirkmächte des Schicksals und die eigene Unwissenheit (Ödipus, der sich die Augen, mit denen er die Wahrheit nicht hatte sehen können, aussticht), Achilles aber erfährt lediglich die Erfüllung des Schicksals, über das es bei ihm von Anfang an keinen Zweifel gegeben hat.

Unter thymotisch durchdrungenen Menschen hätte der neoliberale Kapitalismus keinerlei Daseinsgrund: sein fruchtbarer Boden sind Menschen, die sich selbst und ihrem Schicksal entfremdet sind.

Der Thymos findet eine symbolische Parallele in der feinstofflichen Yoga-Anatomie, und es ist nicht verwunderlich, wenn ein Yogi[3] schreibt, dass die meisten Menschen der heutigen Zeit gerade einmal durch die Kraft des ersten und zweiten Chakras leben, aber bereits das dritte Chakra nur von einer verschwindend kleinen Minderheit erschlossen wird. Dieses dritte Chakra, Manipura, auf der Körperebene um den Nabel oder den Solarplexus angesiedelt, ist das Chakra der Selbstbehauptung, der Selbstgenügsamkeit, die sich von den angesammelten Identifikationen fremdinduzierter Bilder zu lösen weiß. Erst in Manipura dringt man zum Kern der Sache vor, zum Kern des eigenen Wesens. Manipura löst die Nabelschnüren nach außen, die bisher sowohl Körper als auch Ich und Persönlichkeit mit psychischen Nährstoffen versorgten, und erschließt sich die in der Tiefe der eigenen Psyche sprudelnde Quelle. Das Ich-System erringt seine Autarkie. Liebe und Schönheit, Tat und Gedanke werden Selbstzweck. Im Hintergrund wirkt die Erkenntnis, dass ein schönes Auto vielleicht Spaß machen kann, aber keinen Deut am Selbstwert und am eigenen Sein zu verändern vermag, weder zum Positiven noch zum Negativen. Diogenes, der zwar besitzlos lebt, aber Alexander den Großen bittet, ihm aus der Sonne zu gehen. Diogenes, der mit Huren befreundet ist, aber der auf dem Marktplatz prustend und lachend und mit demonstrativem Erfolg Hand an sich selbst legt, nachdem Frauen ihn mit der Bemerkung zu provozieren suchen, er brauche ja zumindest eine Frau für den Sexus.

Es liegt in der Natur des Radikalen Humanismus, am Motiv des Thymos kein wesentliches Interesse zu haben. Definieren wir Thymos als die Kraft der Selbstbehauptung, der sich selbst genügenden Selbststärke, sich selbst genügend, da sie ihre Quelle in der eigenen Psyche zu finden weiß. Thymotisch starke Menschen wissen darum, dass diese Quelle nicht versiegen kann, nicht ausgetauscht werden kann, eine Quelle also ganz eigenen Typs ist, unverwechselbar und autark. Jede Frage nach der eigenen Identität ist bereits beantwortet, wenn diese Quelle entdeckt und erschlossen ist. Identität braucht dann keine Bilder mehr, keine symbolischen Selbstergänzungen, keine Selbstwertprothesen.

Gleichnishaft zeigt sich die thymotische Kraft in einer kurzen Passage des alten tantrischen Textes Vijnana Bhairava aus Kaschmir:


„Wenn man eine große Freude erfährt, wie beim Wiedersehen eines Freundes nach langer Zeit, soll man über das Entspringen dieser Freude meditieren, dann wird man darin absorbiert und wird geistig eins mit dieser Freude.“ (Vijnana Bhairava, 71)[4]

Die thymotische Kraft erweitert das Bewusstsein, indem sie zwischen Gefühl und Auslöser zu trennen gelernt hat. Die übliche Verwechslung des eigenen Gefühls mit einem äußeren Objekt, etwa wenn die eigene Wut sich im Streit gegen den Partner wendet, statt zu erkennen, dass die Wut Teil des eigenen physio-psychischen Organismus ist und vorrangig dort Schaden anrichtet, ist Bestandteil eines prä-thymotischen Erkenntnisstandes.

Der vom Neoliberalismus zur manipulativen Ideologie geformte Radikale Humanismus ist aber angewiesen auf solcherlei Verwechslungen. Kein Mensch würde sich einen Porsche als Statussymbol kaufen, keine Rolex, keine überteuerten Markenklamotten, keine prestigeträchtigen Handys, wenn das Motiv der symbolischen Selbstergänzung wegfiele. Diese Selbstergänzung wird dann notwendig (und ist nicht nur Spiel), wenn die thymotische Kraft unerschlossen bleibt. Der Hunger nach psychophysischer Energie, die nicht auf die interne Quelle des Thymos zurückgreifen kann, muss mit komplizierten sozialkommunikativen Manövern die Mitmenschen dazu überreden, durch Anerkennung, Lob, Ehrfurcht, Unterwerfungsgesten und anderem ihnen diese Energie zu geben. Gleichzeitig ist man selbst permanentes Opfer dieser Manöver durch wiederum andere. So geben wir psychische Energie, die uns dann (vermeintlich) fehlt, und müssen sie uns nun mit eigenen perfiden Strategien andernorts wieder besorgen. Die Demutshaltung, die wir einem Chef oder einem Reicheren oder Erfolgreicheren erweisen, ist eine Investition, die eine empfindliche Lücke in das psychoenergetische Konto reißt. Diese Lücke füllen wir mit der Arroganz und Überheblichkeit, die wir beispielsweise einem Erfolgloseren gegenüber an den Tag legen. So brauchen wir die Armut des anderen, um uns selbst reicher zu fühlen, brauchen den Narzissmus des Gegenübers, um uns selbst bescheiden fühlen zu dürfen. Diese Kette scheint eine nahezu unendliche zu sein, so wie es Ketten sind, die einen Kreis bilden: Feministinnen haben vermutlich vor nichts mehr Angst, als vor Männern, die sich nicht sexistisch verhalten. Die westlichen Meinungsmonopole haben vor nichts mehr Angst als vor dem Aussterben des islamischen Terrorismus. Ökologische Aktivisten müssen sich mit Recht vor einem gesunden Ökosystem fürchten. In all diesen Fällen verlören die jeweiligen Vertreter die Rechtfertigung für ihre selbstwertdefinierende Empörungsattitüde. Ich möchte damit nicht sagen, dass bestimmte Probleme nicht gesehen und gelöst werden müssen, aber die emotionale innere Beteiligung dabei verweist auf persönliche Programme, die letztlich nur einem Zweck dienen: ein fragiles Selbstkonzept am Laufen zu halten. Nüchterne Problemlösung sieht zum einen anders aus und zum anderen wäre sie auch erfolgreicher.

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, hat einen treffenden Begriff (als Buchtitel) gewählt, der das Dilemma der Notwendigkeit immerwährenden Managements psychischer Energiezufuhr charakterisiert: Die Spiele der Erwachsenen. Die Wahl des Begriffs „Spiel“ ist hier ironisch zu verstehen, sie ist ein Verweis auf die Zwanghaftigkeit und die Not dahinter. Denn ein intrinsisches Spiel, wie man es bei Kindern beobachtet, ist es nicht. Es sind aufwendige Manöver, die eine Menge Kraft und damit auch eine Menge sozialer, ökologischer, ökonomischer und psychophysischer Kollateralschäden verursachen. Schäden, mit denen wir mittlerweile konfrontiert sind.

Wie tauglich ethische Werte sind, lässt sich an einem einfachen Kriterium einschätzen: Ermöglichen sie eine Erweiterung des Bewusstseins, des Wahrnehmungsraumes, der Perspektiven, des Einfühlungsvermögens? Vor diesem strengen Kriterium bestehen die Werte der Aufklärung recht gut. Aus diesen leiten sich weitere ethische Prinzipien ab: Selbstbildung im doppelten Sinne eines eigengesteuerten Lernens als auch der Herausbildung der Persönlichkeit, die von Kant genannte Mündigkeit des Menschen, dadurch Befähigung zur Teilhabe, dadurch geistiges Wachstum. Ohne die thymotische Kraft in uns sind diese aufklärerischen Ideale nicht realisierbar.

 Paradoxerweise sind Ideen wie die der Pop-Philosophie und psychologischen Freischärler der 60er und 70er Jahre im Zuge der New Age- und Hippie-Bewegung, etwa die eines Timothy Leary, viel näher an diesem Ideal als die heutige Selbstverwirklichungsdoktrin, die das Prinzip der Selbstausbeutung zugunsten entsprechender Arbeitgeber euphemisiert.

Eine kulturelle Rehabilitierung des Thymos erst kann ihm seine negativen Tönungen, etwa im Begriff des Stolzes, nehmen. Das Verdrängte wirkt aus dem Untergrund, seine Interventionen sind autark, frei von bewusster Kontrolle, damit auch frei von einer bewusst errungenen Ethik, seine Wirkungen entsprechend unvorhersehbar. Etwas das aber zur Natur des Menschen gehört, kann nicht vernichtet werden, ohne dabei den ganzen Menschen mit zu vernichten. Es gibt demzufolge nur eine Lösung des thymotischen Problems: Sein Vorhandensein im Inventar angeborener Eigenschaften des Menschen muss anerkannt werden, der Thymos muss ins Bewusstsein des Einzelnen als auch der Gesellschaft gehoben, muss also in Diskursen in Kultur und Psychologie besprochen und verhandelt, muss in eine allgemeine Ethik integriert werden, und alle Bereiche der Human- und Geisteswissenschaften sollten ihn in ihren angewandten Bereichen, etwa in Psychotherapie und Pädagogik, als einen wichtigen Teil des Ganzen integrieren. Selbstbildung schließt die Beherrschung des Thymos ein. Seine Ausformungen müssen errungen werden, nicht anders als auch spirituelle, weltanschauliche und psychische Einstellungen. Ohne Thymos ist Mündigkeit nicht denkbar. Ohne Mündigkeit kein Humanismus, und ohne einen solchen keine funktionierende Demokratie, die diesen Namen verdient.


[1] Jünger, Ernst: Kaukasische Aufzeichnungen, [1. Januar 1943], Klett-Cotta, 1994, S. 253/254: „…Endlich will ich das Sinnen auf individuelle Rettung verbannen im Wirbel der Katastrophen, die möglich sind. Es ist wichtiger, dass man sich würdig verhält. Wir sichern uns doch nur auf Oberflächenpunkten eines Ganzen, das uns verborgen ist, und gerade die Ausflucht, die wir ersinnen, kann uns umbringen.“

[2] Sloterdijk, Peter: Nach Gott. Frankfurt/M., Suhrkamp, 2017.

[3] Swami Satyananda Saraswati: Kundalini Tantra. Yoga Publications Trust, Munger, Bihar, India, 2009.

[4] Bäumer, Bettina: Vijnana Bhairava. Das göttliche Bewusstsein. Frankfurt/M., Verlag der Weltreligionen, 2013.