Was zu verteidigen ist

Den Islam in Bausch und Bogen als eine „schlechte“ oder „gefährliche“ Religion zu verurteilen, ist lediglich Ausdruck von Uninformiertheit. Organisierte Religionen tragen immer das Potential in sich, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung Menschen zu radikalisieren. Das Phänomen kennen wir auch aus Christentum, Hinduismus und sogar Buddhismus. Doch wie jede Religion trägt auch der Islam eine faszinierende und inspirierende mystische Dimension in sich. Leider sind diese Richtungen selten und schon gar nicht dominierend – aber das war Meister Eckhart (und die christliche Mystik) auch nicht.

Vermutlich ist nicht „Islam“ das Problem unserer Tage, sondern eine verheerende Neigung der Menschen zu Vereinfachung und damit Polarisierung. Die Forderung nach einer Expansion des Islams und der Errichtung eines entsprechenden Gottesstaates ist Ausdruck dieser Neigung, und es ist notwendig, mit einem klaren Nein in unseren Gesellschaften darauf zu antworten. (Das heißt: Weder sollten irgendwelche Bekleidungsvorschriften für Frauen etabliert werden – denn das widerspräche all dem, was seit der Aufklärung in Europa errungen wurde, noch sollten wir Kunst von den Wänden (gerade wenn sie nackte Körper zeigt) nehmen, um sogenannte Rücksicht auf die Religiösität anderer zu nehmen.)
Die westliche Welt reagiert im Moment recht panisch auf sogenannten Islamismus, eine Haltung, die nur teilweise angemessen ist. Warum von Terrorismus sprechen und nicht von Kriminalität? Sogenannte Terrorakte erhalten ihren Sinn erst durch die Aufnahme und Verbreitung des Schreckens in der entsprechenden Gesellschaft. Und diesen Beitrag leisten wir selbst.
Islamismus ist Ausdruck geistiger Unreife, genauso wie Faschismus, christlicher Fundamentalismus und einiges mehr. Diese Unreife führt zu Straftaten, und diese sollten auch als solche behandelt werden, vor allem im öffentlichen Diskurs. Nur so ist die etwas überspitzte Bemerkung von Peter Sloterdijk zu verstehen, er wünschte sich, dass die WTC-Sache lediglich einen Platz auf „Seite acht“ der Zeitungen gefunden hätte.
Was wir zu verteidigen haben, sind nicht christliche „Werte“, denn so würden wir uns in einen Kampf zwischen Fundamentalismen verstricken.
Was zu verteidigen wäre, ist die geistige Fähigkeit zur Differenzierung, zur „kognitiven Redlichkeit“ (Thomas Metzinger) und die erst kürzlich in der westlichen Welt errungene kognitive und ethische Mündigkeit, also Freiheit, jedes Menschen.
Ich sehe Widersprüche nicht als auszumerzende Unordnung, sondern als Quelle von Kreativität, als Anreiz, neue, ungeahnte kognitive Figuren zu zeichnen.
Und so gestatte ich mir,
den Satz einiger „Linker“, dass man es mit der „political correctness“ übertrieben habe, erbärmlich zu finden;
jegliche religiöse Ereiferung abzulehnen;
Sahra Wagenknecht auf ganz altmodische Weise als geistreiche und schöne Frau zu verehren;
trotz offenkundiger geistiger Unzurechnungsfähigkeit einiger Muslime die mystischen Dimensionen des Islams zu erkunden;
trotz des bedenklichen Erstarkens der europäischen „Rechten“ Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ für ein großartiges Buch zu halten und mit Genuss zu lesen;
es für Scheiße zu halten, dass irgendwelche „Linken“ Frauke Petrys Auto anzünden;
nackte Brüste ästhetisch und erregend und keineswegs verderbt zu finden;
trotz Aufwachsens in Ostdeutschland Bertolt Brecht für einen der besten Dramatiker der jüngeren Zeit zu halten;
und nackt am Strand zu liegen und burkinitragenden Frauen mit Respekt zu begegnen.

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