Das Unvermeidliche

Seltsam, wie das Zurückziehen auf die eigenen Belange einerseits egozentrisch wirken mag und andererseits darin Genügsamkeit zu finden ist. Der Aspekt der Genügsamkeit: sich den Größenwahn, Menschen beeinflussen zu können, eingestehen.
Erkennen, dass dieser Größenwahn stellvertretend für die Weigerung, das Unvermeidliche anzunehmen, steht. Das Schicksal eines anderen (zum „Positiven“) ändern wollen, weil man dieses Schicksal nicht zu akzeptieren bereit ist.
Doch nun, was bleibt? Ein tiefes Durchatmen.

Die Bilder der Religionen –
…Die Madonna mit den drei Dolchen im Herzen: Das Herz, das die leuchtenden Fäden des manipulativen, wenn auch gut gemeinten Willens liebend auswirft, muss sterben, muss mit seinem Drängen und Begehren, seinem Sehnen und Wünschen zum Schweigen gebracht werden. Wie sollte die Madonna sonst den Kreuzigungstod, aber eigentlich die Mission ihres Sohnes annehmen können?…
…Shiva, der sich dem Wüten Kalis unterwirft…
…Radha, die sich vergebens nach Krishna sehnt, der mit den anderen Mädchen herumspielt…
…Rama, der seine geliebte Sita verstößt, dann bereut und verzweifelt zuschauen muss, wie sie sich von der alten Mutter Erde verschlingen lässt…
…Sita, die ihren Rama liebt, aber erfahren muss, wie dieser nicht zu ihr zu stehen vermag – der Prüfstein ihrer Liebe…
…Odin, der sich kopfunter an die Weltenesche hängen lässt, ein Auge opfert, um sehend zu werden…
…Jesus, der darum fleht, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge (wir wissen, wie es ausging)…
…Buddha, der Alter, Krankheit und Tod erkennt, und ebenso sein Unvermögen, diesseitig etwas dagegen ausrichten zu können, und den Weg der inneren Stille, der Loslösung (andere Deutung dieses Wortes: das eigene Los auflösen, mithin das karmische Schicksal lösen, indem man sich nicht mehr dagegen wehrt) wählt.

… So ist die Rückbesinnung auf die eigene Person, auf das nur eigene Leben und dessen Ausgestaltungen zwar egoisch und selbstbezogen, aber letztlich die Folge tieferer Einsicht in die Hybris der vermeintlichen Selbstlosigkeit – die doch die stärkste aller Selbstbezogenheiten ist, wenn sie dem Anderen die eigene Heilsvorstellung aufdrängen will.
Nicht sich auflösen im Anderen, sondern das eigene Sosein kultivieren – und sich dann verschenken, die Mitwelt an sich teilhaben lassen. So wie man selbst schon immer teilhatte an der Mitwelt.
…Doch die Liebe? Will die Liebe aufdringliches Wollen bleiben? Kann sich die Liebe bescheiden mit einem ruhigen wohlwollenden Interesse am Anderen? Mit der ungeteilten Aufmerksamkeit, wenn der Andere spricht? Ohne das Gesprochene zu bewerten? Kann also der Liebende sich selbst genügen? Niemanden brauchen zur Bestätigung seiner Liebesfähigkeit und/oder seines Selbstwertes?

…Teresa von Avilas dritte Wohnung Gottes… Manipura, das dritte der Chakras, die „diamantene Stadt“… Jesus` Satz „Werdet Vorübergehende!“ des Thomas-Evangeliums… …Eine plötzliche Ruhe nach den Stürmen von Svadhisthana, die See wird still, der Durst schwindet.
Ein Ruhen an der Quelle, die in einem ist und nicht versiegt.
Ein Wahrnehmen der Freude, die aufblüht, wenn man geliebte Menschen sieht, ein Lösen der Freude von den Auslösern, man ist in sich beheimatet.
Und ebenso das Sehnen, die Furcht, das Hadern – nicht nur die Quelle der Kraft fließt aus jenem inneren Brunnen, sondern tief in seinem Grund ruht auch der Schlamm, der die Fleurs du mal, die bösen Blumen wachsen lässt. Im Selbst – nicht im Anderen.
Endlich. Ruhe. Bis zum nächsten Sturm. Denn so ist es doch: Die Seele schöpft Kraft und kommt zu Atem, um gewappnet zu sein… Vorbereitet.
Bar der Illusion eines bequemen Daseins.

Advertisements