Eine integrale Annäherung an den Tarot

Eine integrale Annäherung an den Tarot

 

„Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis“ – Ein kurzer Überblick über die integrale Methodik

 

Das jetzt im Phänomen-Verlag erschienene Buch Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis ist das Ergebnis einer integralpsychologischen Studie. Was aber heißt „integral“?

Während pluralistisches Denken die eigene Perspektive für einzig wahr und gut hält, die anderen Perspektiven aber zumindest toleriert, versucht integrales Denken, die eigene Perspektive mit anderen Perspektiven in einem gemeinsamen (sinnvollen) Überbau aufgehen zu lassen. Voraussetzung dafür ist die Einstellung, dass andere Perspektiven genauso wahr oder falsch sein können wie die eigene und erst die Fusion oder Synthese all dieser Perspektiven einen umfassenderen Einblick in den Betrachtungsgegenstand ermöglicht.

Der Begriff des integralen Denkens wurde von dem Schweizer Kulturphilosoph Jean Gebser eingeführt, der in seiner Analyse der Entwicklung menschlicher Bewusstseinsstrukturen festzustellen meinte, dass auf die (derzeit noch dominierende) Bewusstseinsstruktur der perspektivischen Ratio ein integral-aperspektivisches Denken folgen würde[1].

Beispiel: Was den Erkenntnisgegenstand Mensch betrifft, tolerieren sich Mediziner und Psychologen, verstehen einander aber in aller Regel nicht und halten ihre eigene Perspektive für die eigentlich richtige. Ein integraler Ansatz würde versuchen, medizinische und psychologische Erkenntnisse über den Menschen in einem Metamodell zu vereinen. Dazu aber müssten beide Lager ihren domänenbezogenen Dünkel aufgeben, um zu verstehen, dass der jeweils andere Ansatz Wertvolles beizutragen hat.

Integrale Methodik verwirft nicht; sie versucht, in den einzelnen Befunden ihren wahren Kern herauszuschälen und mit anderen Befunden sinnvoll zu einem Ganzen zu verweben.

Folgende Beispiele mögen die integrale Methodik, die Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis zugrunde liegt, verdeutlichen:

 

Kulturgeschichte:

Die Tarotkarten erfuhren zur Zeit der italienischen Renaissance ihre erste Blüte. Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt kennzeichnet diese als die Geburtsstunde des Individualismus. Der einzelne Mensch, seine Individualität, seine Entfaltungsmöglichkeiten rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Diese Menschen waren fasziniert von den Entwicklungsmöglichkeiten, die im Einzelnen liegen. Gleichzeitig wurde der Tarot zumindest unter Betuchten zu einem begehrten Gut. Man ließ sich Tarotkarten von renommierten Künstlern anfertigen. Warum sollte der Tarot (zumindest die geheimnisvollen Großen Arkana, die das Besondere dieser Karten ausmachen) nicht ebenfalls das Werden des Menschen zum Thema haben? Falls das stimmt, müssten die Großen Arkana in ihrer Reihenfolge eine Art naiver oder intuitiver Entwicklungspsychologie enthalten.

 

Tarot als künstlerische Hervorbringung und tiefenpsychologische Theorien über das Unbewusste und dessen Wirkweise (Projektionen):

Zwar mag sich der eine Mensch anders entwickeln als der andere, aber beide folgen dennoch grundsätzlichen Entwicklungsschritten, die die Gattung Mensch ausmachen. Trotz aller Individualität ist jeder Mensch am Anfang seines Lebens mit einer primären Bezugsperson (meist der Mutter) verbunden, wird sich mit zunehmender Autonomie von dieser wieder abgrenzen wollen, wird mit erwachender Geschlechtsreife aus den Gleichaltrigen seine Partner wählen, sein eigenes Leben als Erwachsener organisieren usw. Diese allgemeinen Entwicklungsthemen werden nun durch jeweils individuelle Erfahrungen mit eigener und besonderer Farbe versehen.

Allgemeingültige Entwicklungsthemen können in eine allgemeine Form gebracht werden, sei es durch künstlerische Hervorbringungen (z.B. Tarot) oder wissenschaftliche Theoriebildung (z.B. Freuds Phasenmodell der Entwicklung). Da die allgemeinen Entwicklungsthemen in jeder Zeit und in jeder Kultur gleichermaßen beobachtet werden können, müssten sich die epochen- und kulturabhängigen Beschreibungen dessen in ihrem Kern ähneln.

Zumindest müsste das Wissen um diese Entwicklungsthemen im Unbewussten liegen, da sie für alle Menschen das psychogenetische Gerüst zur individuellen Entwicklung bilden. Solch unbewusstes (oder vorbewusstes) Wissen kann durch sogenannte Projektionen veräußert werden: In der Projektion wird ins Außen geworfen, was dem Menschen innewohnt, ohne dass er sich dessen bewusst sein muss. Vielleicht waren sich die frühen Tarotentwickler über den entwicklungspsychologischen Aspekt nicht vollständig im Klaren, aber es ist durchaus plausibel, dass dieses psychogenetische Werden in den Tarotkarten der Großen Arkana projektiv sichtbar wird.

 

Entwicklungspsychologie:

Um diese Vermutung zu überprüfen, liegt es nahe, die wissenschaftlichen Befunde der Entwicklungspsychologie als Vergleichsmaterial heranzuziehen.

Ein diesbezüglicher Vergleich zeigt, dass die ersten drei Karten mit der modernen Säuglingsforschung korrelieren – den sogenannten präpersonalen Stadien der Entwicklung, die nächsten Karten bis etwa zur neunten (Eremit) mit den personalen Stadien der Entwicklung, soweit die westliche Entwicklungspsychologie sie bisher belegt hat.[2] Dass die herkömmlichen Entwicklungsmodelle (z.B. Freud, Piaget u.a.) an dieser Stelle abbrechen, mag an der geringen Stichprobe derer liegen, die weitere psychogenetische Themen in Angriff nehmen.

 

Transpersonale Psychologie, Yoga, Vajrayana-Buddhismus, christliche Mystik:

Wie können die restlichen Karten in ein allgemeines Entwicklungsmodell integriert werden? Die Transpersonale Psychologie, ausgehend von Berichten über Meditationserfahrungen (z.B. buddhistisch, christlich oder hinduistisch) beschreibt Entwicklungsstufen, die über das Erreichen des durchschnittlichen erwachsenen Bewusstseins hinausgehen. Das Bewusstsein würde dann die personalen Bewusstseinsstrukturen überwinden und somit „transpersonal“ werden. Der Integralist Ken Wilber (der sich an Sri Aurobindo orientiert und sicher auch aus eigener Erfahrung schöpft) beschreibt drei transpersonale Bewusstseinsstrukturen, die sich bildhaft in den Tarotkarten widerspiegeln: psychisch (entspräche der Karte Stern), subtil (Sonne), kausal (Äon oder Jüngstes Gericht). Höchstes (vollendetes) Bewusstsein steht über diesen und wird von Wilber und den Yogis nondual genannt (Universum). Die zwischen den Karten Stern und Sonne befindliche Karte Mond findet seine Entsprechung in der (transpersonalen) „dunklen Nachtfahrt der Seele“ (Johannes vom Kreuz). Über diese dunklen Bereiche berichtet auch das Yoga-Sutra (Patanjali), Sri Aurobindo, Lama Govinda und andere Mystiker oder Erforscher des Transpersonalen. Ein Vergleich zwischen den verschiedenen Überlieferungen transpersonalen Erlebens (von Yoga und Vedanta, Tantra, Vajrayana-Buddhismus, Gnosis, über christliche Mystik bis zu schulenunabhängigen „Psychonauten“ wie Krishnamurti oder Timothy Leary) zeigt eindrücklich die Übereinstimmung der „höheren“ oder mystischen Erfahrungen.

 

C.G. Jungs Individuationsprozess:

Zwischen den Karten der „normalen“ personalen und denen der transpersonalen Entwicklungsstadien befinden sich noch eine Reihe recht düster anmutender Karten, die im Gegensatz zu den egoischen Aufbauprozessen eher Themen der egoischen Korrektur und Dekonstruktion transportieren: Die Dysfunktionalität der egoischen Welt- und Selbstbildkonstruktion und die damit einhergehenden Erfahrungen (XII Der Gehenkte), die Tatsache der Sterblichkeit und Vergänglichkeit (XIII Tod), die daraus folgende Notwendigkeit zur Selbsterkenntnis und deren strikte Methoden, bzw. die Umkehr der bisherigen Prioritäten (XIV Kunst oder Mäßigung), die Kenntnisnahme und Integration der Schattenaspekte (XV Teufel) und die Einsicht in die Illusion des persönlichen Weltentwurfs (XVI Turm, zerberstend durch den Blitz Gottes oder der Erkenntnis).

Zu einem gewissen Teil wurden diese Themen von C.G. Jung beschrieben, der davon ausging, dass intelligente Erwachsene, die im Rahmen gesellschaftlicher Anforderungen ihren Platz durchaus gefunden haben, in sich dennoch das drängende Gefühl nach Entwicklung, Selbsterkenntnis und Ganzwerdung verspüren. Jung prägte dafür den Begriff des Individuationsprozesses.

 

Psychologische Anwendungen:

Anwendungen des Tarots erschöpfen sich zumeist in Legungen auf Basis eines rein magischen Weltbildes. Dabei sind die Anwendungsmöglichkeiten des Tarots um vieles umfangreicher. Während der Untersuchung der Reihenfolge der Großen Arkana entstand das Modell der psychogenetischen Felder (pgFelder). Dieses bietet sich als umfassendes und symbolhaftes Screening-Instrument zur Analyse einer (auch der eigenen) Biografie an. Die einzelnen pgFelder werden auf die individuellen Erfahrungen und eventuelle Einbrüche „höherer“ pgFelder in das gegenwärtige Sein in ihren Wirkungen hin erkundet. Die Ergebnisse sind erstaunlich erhellend und ihr Verständnis ist oft bereits heilsam.

In Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis werden auch die Kleinen Arkana und Hofkarten in eine allgemeine psychogenetische Landkarte eingewoben. Darüber hinaus werden umfangreiche Anwendungs-Möglichkeiten vorgestellt. Tarotlegungen müssen nicht auf ausschließlich magische Weise interpretiert, sondern können auch im Rahmen psychologischer Methodik durchgeführt werden. Ähnlichkeiten dieser Methode findet man in den psychodiagnostischen ‚projektiven‘ Verfahren, in denen auch Probanden gefragt werden, was sie in bestimmtem vorgelegten Material zu erkennen glauben. Der Unterschied zu den herkömmlichen projektiven Verfahren besteht allerdings in der Art des Anmutungsmaterials: Der Tarot bietet ein weitgehend vollständiges philosophisches, wenn auch intuitiv entstandenes, Erklärungssystem an, während die psychologischen projektiven Verfahren nur willkürliches oder unvollständiges Material bereitstellen. Die Effekte des Tarots auf die Projektabilität des Anwenders sind entsprechend umfangreicher, vernetzter und um vieles effektiver.

Der Tarot als abendländisches Kulturerbe hat es verdient, die gleiche Aufmerksamkeit seitens der Kulturwissenschaftler und Psychologen zu erfahren, wie sie etwa das altchinesische Yijing genießt. Nähert man sich ihm mit der Neugier des Entdeckers, offenbaren sich seine Geheimnisse, und zwar jenseits des vereinfachenden Esoterik-Mainstreams.

[1] Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. München, 1953.

[2] Integrales und zentaurisches Bewusstsein (Maslow, Gebser, Wilber) können mit den Karten X (Glück) und XI (Lust/Kraft) in Verbindung gebracht werden.